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Journal of Linguistics and Language Teaching

Volume 17 (2026) Issue 2


Zitierfunktionen in deutsch- und chinesischsprachigen Zeitschriftenartikeln: Eine kontrastive Analyse segmentübergreifender wissenschaftlicher Legitimation

 

Shing-Lung Chen (National Kaohsiung University of Science and Technology, Taiwan)

 

Abstract (Deutsch)

Der vorliegende Beitrag[1] untersucht, wie Zitationen in deutsch- und chinesischsprachigen linguistischen Fachartikeln die segmentübergreifende Interaktion zwischen Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung strukturieren. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass wissenschaftliche Geltung nicht in isolierten Textsegmenten entsteht, sondern aus deren argumentativer Verknüpfung hervorgeht. Auf der Grundlage eines Korpus von 160 wissenschaftlich begutachteten Artikeln aus den Jahren 2016 bis 2025 werden Zitationen als diskursive Ressourcen der Problemexposition, theoretischen Fundierung und Beitragspositionierung untersucht. Die Ergebnisse zeigen deutliche kulturpragmatische Unterschiede: In deutschsprachigen Texten werden explizite Defizitmarkierungen und kontraktive Argumentationsmuster bevorzugt, in chinesischsprachigen Texten hingegen integrative, expansive Strukturen und konsensorientierte Legitimationsverfahren. Damit wird deutlich, dass Zitationen nicht nur der Bezugnahme auf Vorarbeiten dienen, sondern maßgeblich zur segmentübergreifenden Herstellung wissenschaftlicher Kohärenz und Legitimität beitragen.

Stichwörter: Handlungsmuster, Zitationsfunktionen, Interkulturelle Rhetorik, Funktionale Pragmatik, Stance Negotiation

 

Abstract (English)

This article investigates how citations structure the cross-segmental interaction among the Introduction, Literature Review, and Conclusion in German- and Chinese linguistics research articles. It is based on the premise that academic legitimacy is not established within isolated textual segments, but emerges through their argumentative integration. Drawing on a corpus of 160 peer-reviewed articles published between 2016 and 2025, the study examines citations as discursive resources for constructing research problems, providing theoretical grounding, and positioning authorial contributions. The findings reveal marked cross-cultural pragmatic differences: German articles tend to rely on explicit deficit marking and contractive patterns of argumentation, whereas Chinese-language articles more often employ integrative, expansive structures and consensus-oriented strategies of legitimation. The study thus shows that citations do more than acknowledge prior research; they play a constitutive role in establishing cross-segmental academic coherence and legitimacy.

Keywords: Patterns of action, citation functions, intercultural rhetoric, functional pragmatics, stance negotiation

 

 

1   Einleitung

Wissenschaftliche Fachartikel präsentieren nicht nur Forschungsergebnisse; sie müssen diese auch als relevant, anschlussfähig und wissenschaftlich legitim ausweisen. Gerade darin liegt eine zentrale Herausforderung wissenschaftlicher Kommunikation: Erkenntnis entsteht im Fachartikel nicht allein durch neue Daten oder neue Argumente, sondern auch dadurch, dass der eigene Beitrag in bestehende Wissenszusammenhänge eingeordnet, von früherer Forschung abgegrenzt und als bearbeitungsrelevant profiliert wird. Fachtexte sind damit nicht bloß Träger von Forschungsergebnissen, sondern institutionalisierte Räume der Wissensproduktion[2], in denen Relevanz, Anschlussfähigkeit[3] und wissenschaftliche Legitimität diskursiv hergestellt werden (Ehlich & Graefen 2001: 369–371). In transkulturellen Publikationskontexten gewinnt daher die Frage besondere Bedeutung, wie diese Legitimation textuell organisiert wird und welche Rolle Zitationen dabei spielen. Einsatz von diesen ist nicht bloß Ausdruck formaler Wissenschaftlichkeit, sondern Teil einer „rhetorischen Professionalisierung“[4], in der die jeweils relevanten Bezugnahmen als aktive Wissenshandlungen eingesetzt werden (Hyland 2005: 177f).

Gerade in internationalen Publikationskontexten ist diese Frage nicht nur textlinguistisch, sondern auch wissenschaftspraktisch relevant. Die Überzeugungskraft eines Fachartikels hängt nicht allein von den präsentierten Ergebnissen ab, sondern ebenso davon, wie die Problemstellung eingeführt, der jeweilige Forschungsstand – verstanden als der aktuelle, dynamische wissenschaftliche Diskurs – eingeordnet, der etablierte Wissensbestand der Disziplin – im Sinne des sedimentierten, weithin akzeptierten Fachwissens – strukturiert und eigene Beiträge profiliert werden. Dabei ist keineswegs es selbstverständlich, dass diese Verfahren in unterschiedlichen wissenschaftlichen Traditionen nach denselben Mustern erfolgen. Vielmehr lässt sich gerade im Vergleich deutsch- und chinesischsprachiger Fachartikel vermuten, dass unterschiedliche Normen der Kritik, Selbstpositionierung und Wissenslegitimation in der Textorganisation wirksam werden. Die Frage ist daher nicht nur, ob zitiert wird, sondern wie Zitationen in verschiedenen funktionalen Textsegmenten (Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung) dazu beitragen, wissenschaftliche Geltung herzustellen.

In der Forschung ist diese Problematik aus mehreren Perspektiven erschlossen worden. Genre-analytische Ansätze betonen die Makrostruktur wissenschaftlicher Texte und beschreiben insbesondere Einleitungen als Orte der Problempräsentation, Nischenbildung und der Eröffnung des jeweiligen Forschungsraums, etwa im CARS-Modell von Swales (1990: 140–145). Auch spätere Arbeiten haben gezeigt, dass diese Perspektive für kontrastive Analysen wissenschaftlicher Einleitungsstrukturen produktiv ist (Swales & Feak 2012: 35–41; Samraj 2002: 7–11; Sheldon 2011: 239–242).

Die funktionale Pragmatik versteht wissenschaftliches Schreiben demgegenüber als Abfolge institutionalisierter Handlungsmuster, in denen sprachliche Mittel zur Bearbeitung spezifischer Wissensprobleme eingesetzt werden (Ehlich & Rehbein 1986: 15f; Ehlich 1993: 24–26). In interaktionsorientierten und metadiskursiven Ansätzen wird schließlich hervorgehoben, dass Zitationen nicht der Organisation von Wissen dienen, sondern auch der Aushandlung von Standpunkten, der Positionierung des Autors und der diskursiven Verknüpfung dienen (Thompson & Ye 1991: 369–372; Hyland 2005: 52–90, 177–181; Ädel 2006: 15–19).

Hinzu kommt die Zitationsforschung im engeren Sinne, die früh zwischen referierenden, unterstützenden, kontrastierenden und evaluativen Verwendungsweisen unterschieden (Weinstock 1971: 18–23; Moravcsik & Murugesan 1975: 88–92) und in neueren Arbeiten den rhetorischen und disziplinären Charakter von Zitationen stärker herausgearbeitet hat (Hyland 2005: 177–181; Petrić 2007: 240–244).

Diese theoretische Mehrperspektivität ist aufschlussreich, macht aber zugleich eine methodische Begrenzung sichtbar. Einerseits ist gut belegt, dass Zitationen epistemische, rhetorische und interaktionale Funktionen übernehmen. Andererseits sind diese Funktionen bislang häufig entweder mit Blick auf einzelne Textsegmente oder im Rahmen einzelner wissenschaftlicher Traditionen untersucht worden. Besonders gut erforscht sind Einleitungsstrukturen, die Markierung von Foschungslücken und einzelne Formen der Autorpositionierung (Swales 1990: 140–145; Hyland 2005: 177–184; Sheldon 2011: 239–250; zur kontrastiven Analyse von Einleitungs- und Textsegmentstrukturen im Deutsch-Chinesischen auch Chen 2023: 5–8; Chen 2024: 205–208). Ebenso liegen differenzierte Arbeiten zu funktionalen Zitationskategorien vor (Moravcsik & Murugesan 1975: 88–92; Petrić 2007: 240–244). Weniger systematisch untersucht wurde bislang jedoch, wie Zitationen über mehrere Textsegmente hinweg zusammenwirken: wie also beispielsweise eine in der Einleitung markierte Forschungslücke im Forschungsstand theoretisch fundiert und in der Schlussfolgerung auf den eigenen Beitrag bezogen und als bearbeitet ausgewiesen wird (Swales 1990: 140–142). Gerade hierin liegt jedoch ein zentraler Punkt wissenschaftlicher Argumentation. Denn wenn Legitimität nicht punktuell, sondern prozessual entsteht, reicht es nicht aus, einzelne Zitierfunktionen isoliert zu erfassen; vielmehr muss untersucht werden, wie sie sich zu einer argumentativen Sequenz verbinden, die Problemexposition, Wissenseinbettung und Beitragsprofilierung miteinander koppelt.

Gerade im interkulturellen Vergleich tritt diese Forschungslücke besonders deutlich hervor. Interkulturelle Studien legen nahe, dass wissenschaftliche Positionierung, Kritik und Selbstreferenz kulturabhängig unterschiedlich normiert sind. Während in vielen westlich geprägten Wissenschaftstraditionen explizite Defizitmarkierungen als legitime Form wissenschaftlicher Profilierung gelten, werden in ostasiatischen akademischen Kontexten häufiger abschwächende und stärker konsensorientierte Formen der Positionierung bevorzugt (Graefen 2002: 50; Hu & Cao 2011: 2798–2803; Hyland, Wang & Jiang 2022). Auch in kontrastiven Untersuchungen wird darauf verwiesen, dass deutschsprachige oder anglophone Texte häufiger kontraktive Muster der Problemprofilierung – d.h. argumentative Verfahren, die alternative Perspektiven durch explizite Limitation oder Zurückweisung einschränken, um den eigenen Geltungsanspruch zu fokussieren – aufweisen, während chinesischsprachige Texte eher additive oder integrative Formen der Begründung – verstanden als Verfahren, die bestehende Forschung konsensual anhäufen und den eigenen Beitrag harmonisch in den Wissensbestand einbetten – bevorzugen (Clyne 1987: 214–218; Duszak 1994: 299–303; Sheldon 2011: 242–250). Die Sichtbarkeit der Position des Autors ist ebenfalls wissenschaftskulturell variabel: In manchen Kontexten gilt Selbstreferenz als Zeichen wissenschaftlicher Verantwortung und Klarheit, in anderen wird sie eher zugunsten depersonalisierter Darstellungsformen zurückgenommen (Hyland 2002: 1095–1101; Graefen & Moll 2011: 76–81). Damit stellt sich die Frage nicht nur nach unterschiedlichen Zitierfunktionen, sondern auch diejenige nach unterschiedlichen kulturpragmatischen Logiken, in denen Zitationen zur Herstellung wissenschaftlicher Legitimität eingesetzt werden.

Vor diesem Hintergrund wird in der vorliegenden Studie ein integriertes Analysemodell zur Beschreibung der Interaktion zwischen den Textsegmenten  Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung entwickelt. Im Zentrum steht dabei das Konzept der funktionalen Argumentationsschleife (Loop) – verstanden als argumentative Struktur, in der Zitationen dazu beitragen, eine Forschungslücke zu markieren, theoretisch zu legitimieren und den eigenen Beitrag am Textende als relevant und anschlussfähig auszuweisen. Zitationen werden damit nicht als punktuelle Referenzhandlungen, sondern als diskursive Ressourcen wissenschaftlicher Kohärenz und Legitimität konzipiert. Der analytische Mehrwert unseres Modells liegt darin, dass es funktional-pragmatische, genre-analytische und interaktionsorientierte Perspektiven zusammenführt und damit eine Beschreibung jener segmentübergreifenden Verknüpfungen erlaubt, die in bisherigen Studien meist nur ausschnitthaft erfasst wurden. Gerade im deutsch-chinesischen Vergleich eröffnet dieses Modell die Möglichkeit, Unterschiede nicht nur auf der Ebene einzelner Zitierhandlungen, sondern in der textuellen Herstellung wissenschaftlicher Geltung sichtbar zu machen.

Aus diesen Zusammenhängen ergeben sich drei Forschungsfragen:

  1. Welche Zitierfunktionen treten in den Textsegmenten Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung deutsch- und chinesischsprachiger linguistischer Fachartikel auf?

  2. Wie werden diese Zitierfunktionen über diese drei Textsegmente hinweg funktional miteinander verknüpft?

  3. Welche kulturpragmatischen Unterschiede zeigen sich dabei in der Herstellung wissenschaftlicher Legitimität und der Positionierung des eigenen Forschungsbeitrags?

Zur Beantwortung dieser Fragen wird in der vorliegenden Studie ein Korpus von 160 wissenschaftlich begutachteten linguistischen Fachartikeln aus dem Zeitraum 2016 bis 2025 analysiert. Ziel ist es, systematische Unterschiede zwischen der deutschen und der chinesischen Wissenschaftskultur sichtbar zu machen und daraus Erkenntnisse für die interkulturelle Schreibforschung, die kontrastive Fachtextanalyse und die wissenschaftliche Schreibdidaktik zu gewinnen.

Der Beitrag ist wie folgt aufgebaut: In Kapitel 2 werden die theoretischen Grundlagen und der aktuelle Stand der Forschung zu funktionaler Pragmatik, Zitationspraxis und Stance Negotiation skizziert[5]. In Kapitel 3 werden das methodische Vorgehen, die Korpusauswahl und die Analyseschritte erläutert. In Kapitel 4 werden die empirischen Ergebnisse präsentiert und im Hinblick auf die Forschungsfragen diskutiert. In Kapitel 5 werden die zentralen Befunde gebündelt, der wissenschaftliche Mehrwert der Studie herausgearbeitet und Perspektiven für die weitere Forschung skizziert.

 

2   Theoretischer Rahmen und Stand der Forschung

Die Erforschung wissenschaftlicher Zitationen steht vor einem doppelten Problem:

  • Einerseits besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass Zitationen in wissenschaftlichen Texten weit mehr leisten als bloße Quellenverweise; sie strukturieren Wissen, markieren Positionen und tragen zur Herstellung wissenschaftlicher Geltung bei.

  • Andererseits bleibt umstritten bzw. zumindest unzureichend bestimmt, auf welcher Analyseebene diese Leistungen am angemessensten erfasst werden können: als lokale Funktion einzelner Textstellen, als Teil genretypischer Makrostrukturen oder als Ausdruck kulturabhängiger Verfahren wissenschaftlicher Positionierung.

Für die vorliegende Untersuchung ist daher entscheidend, Zitationen nicht lediglich als formale Verweise, sondern als Mittel der Wissensorganisation und Positionierung zu verstehen. Der aktuelle Stand der Forschung zeigt, dass Zitationen in wissenschaftlichen Texten zugleich epistemische, rhetorische und interaktionale Funktionen übernehmen. Um die in der Einleitung formulierten Forschungsfragen zu beantworten, bedarf es daher einer Perspektive, die funktional-pragmatische, genre-analytische und kulturpragmatische Ansätze systematisch miteinander verbindet.

 

2.1 Funktionale und genrebezogene Zugänge zu Zitationen

Ein erster Zugang zur Beschreibung wissenschaftlicher Zitationen ergibt sich aus der funktionalen Pragmatik. In dieser Betrachtungsweise wird wissenschaftliches Schreiben nicht als neutrale Darstellung von Erkenntnissen verstanden, sondern als Abfolge institutionalisierter Handlungsmuster, die auf die Bearbeitung spezifischer Wissensprobleme gerichtet sind (Ehlich & Rehbein 1986: 15–16; Ehlich 1993: 24–26). Diese Sichtweise ist für die vorliegende Studie deshalb besonders produktiv, weil sie den Blick von einzelnen sprachlichen Formen auf ihre Einbettung in übergeordnete Handlungszusammenhänge lenkt. Zitationen erscheinen damit nicht als bloße Verweise auf bereits existierende Forschungsliteratur, sondern als Mittel, mit denen Vorwissen strukturiert, Anschlussstellen identifiziert, Problemstellungen begründet und eigene Beiträge legitimiert werden. Auch Ehlich & Graefen (2001: 369–372) betonen, dass wissenschaftliche Kommunikation nur vor dem Hintergrund institutionell geprägter Verfahren der Wissensdarstellung und Wissensverarbeitung angemessen beschrieben werden kann.

Gerade hierin liegt die Stärke, aber auch die Grenze des funktional-pragmatischen Zugangs. Seine Stärke besteht darin, Zitationen als Teil wissenschaftlicher Problembearbeitung sichtbar zu machen. Seine Grenze liegt darin, dass damit noch nicht hinreichend erklärt ist, wie solche Funktionen in konkreten Textsorten organisiert werden. Für die Analyse von Fachartikeln muss daher ergänzt werden, wie diese Handlungslogik in wiederkehrende Makrostrukturen eingebettet ist.

An diesem Punkt setzen genre-analytische Arbeiten zur wissenschaftlichen Textorganisation an. Besonders einflussreich ist das CARS-Modell von Swales, das Einleitungen als Orte der Etablierung eines Forschungsraums und der Markierung einer Forschungslücke beschreibt (Swales 1990: 141–145; Swales & Feak 2012: 35–41). Spätere Arbeiten haben gezeigt, dass diese Modellierung nicht nur für englischsprachige Artikel relevant ist, sondern auch für kontrastive Analysen wissenschaftlicher Einleitungsstrukturen genutzt werden kann (Samraj 2002: 7–11; Sheldon 2011: 239–242). Diese Ansätze machen überzeugend sichtbar, wie wissenschaftliche Relevanz textuell hergestellt wird. Weniger deutlich bleibt jedoch, wie der so eröffnete Forschungsraum im weiteren Textverlauf stabilisiert, theoretisch fundiert und am Ende in einen Geltungsanspruch des eigenen Beitrags überführt wird.

In der Zitationsforschung selbst sind diese Fragen bisher überwiegend auf der Ebene funktionaler Einzelkategorien bearbeitet worden. Frühere Typologien unterscheiden etwa zwischen referierenden, unterstützenden, kontrastierenden und evaluativen Verwendungsweisen (exemplarisch Moravcsik & Murugesan 1975: 88–92). Neuere Studien betonen dagegen stärker den rhetorischen und disziplinären Charakter von Zitationen. So beschreibt Hyland (2005: 177–181) Zitationen als zentrale Ressource akademischer Interaktion, mit der Autoren ihre Texte in bestehende Diskurse einbinden und zugleich ihre eigene Position markieren können. In ähnlicher Weise zeigt Petrić (2007: 240–244, dass Zitationen nicht nur Wissen repräsentieren, sondern auch argumentative und evaluative Entscheidungen sichtbar werden lassen.

Zusammengenommen stimmen diese Forschungsansätze in einem zentralen Punkt überein: Zitationen sind weit mehr als bibliographische Nachweise. Zugleich zeigen sie aber auch eine analytische Begrenzung: Während funktional-pragmatische Arbeiten die Einbettung in wissenschaftliche Handlungsmuster betonen, genre-analytische Ansätze die Makrostruktur von Texten herausarbeiten und die Zitationsforschung differenzierte Funktionskategorien bereitstellt, ist bislang nur unzureichend geklärt, wie sich diese Funktionen über mehrere Textsegmente hinweg zu einer übergreifenden argumentativen Struktur verbinden – ein Aspekt, der im Zusammenhang mit Stance-Fragen (Kap. 2.2) vertieft wird.

 

2.2 Zitationen, Stance Negotiation und Wissenschaftskultur

Wenn Zitationen nicht nur Wissen organisieren, sondern auch Positionen markieren, dann reicht eine rein funktionale Beschreibung dieser nicht aus. Es stellt sich vielmehr die Frage, wie wissenschaftliche Autoren mit Hilfe von Zitationen Zustimmung, Distanz, Bewertung und Autorität aushandeln. An dieser Stelle gewinnen metadiskursive und interaktionsorientierte Ansätze an Bedeutung. Sie zeigen, dass wissenschaftliche Texte nicht nur Informationen vermitteln, sondern auch Beziehungen zu anderen Positionen herstellen und damit Formen wissenschaftlicher Interaktion sprachlich organisieren (Thompson & Ye 1991: 369–372; Hyland 2005: 52–90; Ädel 2006: 15–19). Zitationen sind in diesem Sinne nicht lediglich referentiell, sondern zugleich evaluativ und relational. Sie tragen dazu bei, wie Autoren sich im wissenschaftlichen Diskurs sichtbar machen oder gegebenenfalls auch zurücknehmen.

Für diesen Zusammenhang ist das Konzept der Stance Negotiation besonders aufschlussreich. Es verweist darauf, dass wissenschaftliche Standpunkte nicht einfach mitgeteilt, sondern sprachlich hergestellt und ausgehandelt werden. Dazu gehören Formen der Bewertung, Distanzierung, Absicherung und Zustimmung, die je nach Disziplin und Wissenschaftskultur unterschiedlich normiert sein können (Hyland 2005: 177–184; Hyland, Wang & Jiang 2022). Wie einleitend skizziert, ist die Etablierung wissenschaftlicher Autorität in diesem Sinne kein universelles Phänomen, sondern stark kulturgeprägt. Diese kulturpragmatische Differenz äußert sich im Rahmen der Stance Negotiation vor allem in der feingliedrigen sprachlichen Realisierung von epistemischer Absicherung (Hedging) und interaktionaler Bewertung. Während westliche Wissenschaftstraditionen zur agonistischen Profilierung neigen, wird im Rahmen des ostasiatischen wissenschaftlichen Diskurses primär konsensual operiert, was sich in einer systematischen Abschwächung konfrontativer Sprechakte niederschlägt (Graefen 2002: 50; Hu & Cao 2011: 2798–2803; Hyland, Wang & Jiang 2022).

Diese Unterschiede betreffen nicht nur stilistische Präferenzen, sondern die argumentative Struktur wissenschaftlicher Texte insgesamt. Wie zuvor erwähnt, stehen sich hierbei zwei grundlegende Begründungsverfahren gegenüber: Während die kontraktive Lückenlogik Geltung durch das Aufzeigen von Defiziten im Forschungsstand generiert („Nischenbildung“) – d.h. wissenschaftliche Relevanz exklusiv aufgrund der Abgrenzung von vermeintlichen Fehlern oder Auslassungen der Vorgängerforschung begründet –, zielt die expansive Relevanzlogik darauf ab, den eigenen Beitrag additiv und integrativ als harmonische Erweiterung des bestehenden Wissensraums auszuweisen – d.h. Geltung inklusiv durch den Nachweis der theoretischen Relevanz und die konstruktive Fortführung etablierter Ansätze herzustellen (Clyne 1987: 214–218; Duszak 1994: 299–303; Sheldon 2011: 242–250). Auch die Sichtbarkeit der Autorposition variiert kulturabhängig: In einigen wissenschaftlichen Traditionen wird Selbstreferenz als Zeichen wissenschaftlicher Verantwortung und Klarheit gewertet, in anderen wird sie eher zugunsten depersonalisierter Darstellungsformen zurückgenommen (Hyland 2002: 1095–1101; Graefen & Moll 2011: 76–81).

Gerade aus dieser Forschung ergibt sich jedoch eine weitere offene Frage: Wie schlagen sich diese kulturabhängigen Arten der Positionierung in der segmentübergreifenden Organisation wissenschaftlicher Texte nieder? Für den Vergleich deutsch- und chinesischsprachiger Fachartikel ist deshalb entscheidend, Zitationen nicht isoliert auf Satzebene, sondern als Teil kulturpragmatisch geprägter Argumentationsmuster zu analysieren. Die Frage, wie Problem-Exposition, theoretische Fundierung und abschließende Positionierung miteinander verbunden werden, hängt eng damit zusammen, welche Formen von Kritik, Legitimation und Positionierung des Autors in einer Wissenschaftskultur als angemessen gelten.

Die folgende Tabelle präsentiert die für die Analyse zentralen Vergleichsdimensionen in gebündelter Form:

Analyseebene

Deutsche Wissenschaftskultur

Chinesische Wissenschaftskultur

Epistemisches Ziel

Erkenntnis durch Kritik / Dialektik

Wissen durch Integration / Harmonie

Makrostruktur

Dialektisch-linear (Problematisierung)

Integrative Expansion (additiv)

Autorpositionierung

Hohe Sichtbarkeit (Selbstreferenz)

Zurückhaltend (Depersonalisierung)

Kritikstil

Direkt und evaluativ (agonistisch)

Indirekt (verstärktes Hedging)

Geltungsgrundlage

Lückenlogik (kontraktiv)

Relevanzlogik (expansiv)

Tab. 1: Zentrale Vergleichsdimensionen der wissenschaftlichen Argumentation

Die Tabelle zeigt, dass Unterschiede zwischen beiden wissenschaftlichen Traditionen mehrere Ebenen zugleich betreffen: epistemische Zielsetzungen, Makrostruktur, Autorpositionierung und Kritikstil. Für die vorliegende Studie ist besonders relevant, dass diese Unterschiede nicht nur einzelne Formulierungen, sondern auch die segmentübergreifende Verknüpfung von Einleitung, Literaturübersicht und Schlussfolgerung prägen können.

 

2.3 Forschungslücke und analytischer Zugriff

Während die in Kapitel 2.1 und 2.2 diskutierten Ansätze wertvolle Klassifikationen für isolierte Textsegmente und kulturbezogene stilistische Präferenzen liefern, bleibt eine entscheidende Forschungslücke bestehen: Es fehlt an einer systematischen Erfassung der segmentübergreifenden Dynamik wissenschaftlicher Zitationen. Die bisherige Forschung isoliert Zitierfunktionen meist auf Satz- oder Absatzebene oder untersucht sie ausschließlich innerhalb einzelner wissenschaftlicher Traditionen. Insbesondere bleibt offen, wie eine in der Einleitung markierte Forschungslücke im Forschungsstand theoretisch abgestützt und in der Schlussfolgerung in eine belastbare Beitragspositionierung überführt wird. Ebenso ist noch nicht hinreichend geklärt, ob und wie sich diese segmentübergreifende Organisation der Zitation in deutsch- und chinesischsprachigen Fachartikeln kulturpragmatisch unterscheidet.

Genau hier setzt die vorliegende Studie an. Sie verbindet funktionale Pragmatik, Genre-Analyse und Stance-Forschung, um Zitationen als diskursive Ressourcen zu beschreiben, die zwischen Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung einen funktionalen Zusammenhang herstellen. Der analytische Zugriff zielt damit nicht nur auf die Identifikation einzelner Zitierfunktionen ab, sondern auf deren Zusammenspiel im Aufbau wissenschaftlicher Kohärenz und Legitimität. In der Dokumentation dieses Zusammenspiels liegt der spezifische Beitrag der Studie zur kontrastiven Fachtextforschung und interkulturellen Schreibforschung.

 

3   Methodisches Vorgehen und Untersuchungsdesign

Für die Beantwortung der Forschungsfragen folgt die Studie einem kombinierten methodischen Vorgehen, das quantitative Korpusanalyse und qualitative Textinterpretation miteinander verbindet. Ziel ist es, sowohl die Verteilung zentraler Zitierfunktionen als auch ihre segmentübergreifende Verknüpfung zwischen Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung sichtbar zu machen. Das methodische Design verfolgt damit zwei komplementäre Analyseziele: Zum einen werden wiederkehrende Muster kontrastiv erfasst, zum anderen wird ihre argumentative Verankerung im Textverlauf rekonstruiert.

 

3.1 Korpus und Untersuchungsdesign

Die Untersuchung basiert auf einem sequenziellen Mixed-Methods-Design[6]. Zunächst werden Zitierfunktionen im gesamten Korpus systematisch erfasst und kontrastiv ausgewertet; daran anschließend werden ausgewählte Beiträge qualitativ analysiert, um die funktionale Verknüpfung zwischen Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung zu rekonstruieren.

Die empirische Grundlage bildet ein Korpus von 160 wissenschaftlich begutachteten Fachartikeln aus den Jahren 2016 bis 2025, darunter 80 deutschsprachige und 80 chinesischsprachige Beiträge aus den Bereichen Germanistische Linguistik und Deutsch als Fremdsprache. Berücksichtigt wurden ausschließlich wissenschaftliche Zeitschriftenartikel, darunter etwa Beiträge aus der Zeitschrift für Germanistische Linguistik, Linguistik Online und Info DaF. Die Textsorte Wissenschaftlicher Zeitschriftenartikel wurde gewählt, weil sich in ihr Verfahren der Wissenslegitimation und Autorpositionierung besonders deutlich beobachten lassen.

Die Korpusbildung orientiert sich an dem in der Forschung etablierten Prinzip, sprachliche und disziplinäre Vergleichbarkeit als Voraussetzung kontrastiver Analysen sicherzustellen (Şenöz-Ayata 2012: 26; Huemer 2016: 69–72). Daher wurden ausschließlich einschlägige Beiträge berücksichtigt, insbesondere aus den Bereichen Syntax, Semantik, Diskursanalyse und Deutsch als Fremdsprache. Zugleich umfasst die Stichprobe unterschiedliche Typen wissenschaftlicher Beiträge, darunter theoretische, empirische und überblicksorientierte Artikel. Die Recherche erfolgte über einschlägige wissenschaftliche Datenbanken, darunter DigiZeitschriften, DNB, Airiti Library, CEPS und CJTD.

 

3.2 Analysekategorien und Auswertungsverfahren

Die Analyse konzentrierte sich auf drei zentrale Textsegmente: Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung. Diese Auswahl ergab sich unmittelbar aus dem Erkenntnisinteresse der Studie, da diese drei Testsegmente unterschiedliche Aufgaben in der wissenschaftlichen Argumentation erfüllen, nämlich Problemexposition, theoretische Fundierung und abschließende Beitragspositionierung.

Als Analyseeinheit galt jede Zitation, die in einem dieser Segmente eine erkennbare argumentative Funktion übernahm. Die funktionale Codierung orientierte sich an den im theoretischen Teil herausgearbeiteten Kategorien und umfasst unter anderem Kritik, Lückenmarkierung, Hintergrunddarstellung, Stützung und Theorieabgleich. Maßgeblich war dabei nicht die bloße formale Präsenz einer Referenz, sondern ihre Funktion im jeweiligen argumentativen Zusammenhang.

Die Auswertung erfolgte in zwei Schritten. Zunächst wurde das gesamte Korpus codiert, um Verteilungen und dominante Muster einzelner Zitierfunktionen sichtbar zu machen. Daran anschließend wurden ausgewählte Artikel qualitativ vertieft analysiert. Im Zentrum stand dabei die Frage, wie Zitationen über den Textverlauf hinweg funktional gekoppelt wurden, also ob eine in der Einleitung markierte Forschungslücke in der Literaturübersicht aufgegriffen und theoretisch gestützt wurde und ob die Schlussfolgerung diese Problemstellung als bearbeitet auswies. Auf diese Weise ließ sich die funktionale Argumentationsschleife nicht nur theoretisch beschreiben, sondern auch empirisch rekonstruieren.

Die einzelnen methodischen Schritte sind in Tabelle 2 zusammengefasst:

Methodischer Schritt

Ziel

Bezug zur Forschungsfrage

Korpusanalyse

Verteilung zentraler Zitierfunktionen erfassen

Identifikation von Funktionsmustern

Kontrastiver Vergleich

Bestimmung der Unterschiede zwischen deutsch- und chinesisch- sprachigen Artikeln

Analyse kulturpragmatischer Differenzen

Qualitative Musteranalyse

Rekonstruierung segmentübergreifen- der Verknüpfungen von Zitationen

Rekonstruktion der funktionalen Argumentationsschleife zwischen Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung

Tab. 2: Überblick über das methodische Vorgehen

Die Tabelle verdeutlicht, dass die einzelnen Analyseschritte nicht isoliert nebeneinander stehen, sondern systematisch auf die Beantwortung der Forschungsfragen ausgerichtet sind. Gerade die Verbindung von quantitativer Übersicht und qualitativer Vertiefung ist entscheidend, um sowohl wiederkehrende Muster als auch deren argumentative Funktion sichtbar zu machen.

 

3.3 Validität und methodische Absicherung

Zur Absicherung der Analyse wurde die funktionale Codierung nicht allein auf formale Indikatoren gestützt, sondern stets im jeweiligen Textzusammenhang überprüft. Dies ist insbesondere bei pragmatisch komplexen Fällen wie indirekter Kritik, evaluativer Distanzierung oder konsensorientierter Stützung notwendig, da solche Funktionen häufig erst im argumentativen Zusammenhang eindeutig bestimmbar sind.

Digitale und KI-gestützte Verfahren wurden daher nicht als Ersatz, sondern als Hilfsmittel zur Sichtung und Strukturierung größerer Textmengen eingesetzt. Konkret wurde für diese Textvorstrukturierung ein zweistufiges Verfahren angewandt: Zunächst wurden die 160 PDF-Dokumente mittels eines Python-basierten Skripts (unter Nutzung der Bibliothek PyPDF2) in bereinigten Fließtext überführt. In einem zweiten Schritt kam ein lokales Large Language Model (LLM; Llama-3), gesteuert über eine standardisierte lokale API-Schnittstelle (via Ollama), zum Einsatz, um Sätze, die formale Zitationsmarker (z.B. Klammerbelege, Autorennamen mit Jahreszahlen) aufweisen, automatisch zu segmentieren und in eine tabellarische Arbeitsdatei zu exportieren. Die Prompt-Vorgabe bestand darin, Sätze mit Klammerbelegen oder Autor-Jahr-Angaben zu extrahieren und dem jeweiligen Textsegment (Einleitung, Forschungsstand, Schlussfolgerung) zuzuordnen.

Diese KI-gestützte Vorstrukturierung diente ausschließlich der effizienten Datenaufbereitung; die anschließende funktionale Codierung und qualitative Interpretation erfolgten vollständig manuell durch die Forscherin, um semantische Fehlinterpretationen auszuschließen. Der genaue Rahmen dieses KI-Einsatzes ist in der vorangestellten „Erklärung zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz“ dokumentiert. Die eigentliche funktionale Zuordnung erfolgte somit interpretativ auf der Grundlage sprachlich-pragmatischer Kriterien.

Zur Überprüfung der Codierungszuverlässigkeit (Interrater-Reliabilität) wurde zudem eine Zufallsstichprobe von 10 % des Gesamtkorpus (16 Artikel, jeweils 8 deutsche und 8 chinesische Beiträge) gezogen. Diese Stichprobengröße entspricht der etablierten Standardpraxis in der quantitativen Inhaltsanalyse, um eine repräsentative und zugleich manuell überprüfbare Validierung der Codierung zu gewährleisten. Diese Stichprobe wurde durch einen zweiten, in der funktionalen Pragmatik geschulten Codierer unabhängig klassifiziert. Die Berechnung der Übereinstimmung ergab ein hohes Maß an Reliabilität mit einem Cohens Kappa von κ = 0,84 für das deutsche Teilkorpus und κ = 0,81 für das chinesische Teilkorpus, was nach Landis & Koch (1977: 165) als „fast perfekte Übereinstimmung" eingestuft werden kann. Die Berechnung erfolgte mittels der Statistiksoftware R (Version 4.3.1, Paket irr, Funktion kappa2).

Zur Validierung pragmatisch ambivalenter Zweifelsfälle wurde ein qualitatives Peer-Feedback-Verfahren genutzt. Hierzu wurden gezielt muttersprachliche Fachkolleginnen und Fachkollegen aus der Germanistik und Sinologie konsultiert, um insbesondere kulturspezifische Formen indirekter Kritik und Positionierung hermeneutisch abzusichern. Durch diesen intersubjektiven Austausch im Rahmen einer fachwissenschaftlichen Triangulation sollte verhindert werden, funktionale Unterschiede vorschnell aus formalen Oberflächenmerkmalen abzuleiten.

Die Validität der Untersuchung beruht somit auf drei grundlegenden Prinzipien: kontextbezogener Codierung, methodischer Triangulation und sprachkultureller Absicherung. Gerade für eine kontrastive Analyse wissenschaftlicher Texte ist diese mehrstufige Absicherung notwendig, um Vergleichbarkeit mit interpretativer Genauigkeit zu verbinden.

 

3.4 Methodische Reichweite

Das gewählte Vorgehen ist für die vorliegende Studie aus dem Grunde angemessen, weil es sowohl kontrastive Breite als auch analytische Tiefe ermöglicht. Die Korpusanalyse zeigt, welche Zitierfunktionen in beiden Sprachkulturen bevorzugt auftreten; die qualitative Untersuchung rekonstruiert, wie diese Funktionen zwischen Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung miteinander verknüpft werden. Die gewählte Methode beschreibt damit nicht nur Unterschiede, sondern lässt auch nachvollziehbar werden, wie wissenschaftliche Legitimität textuell hergestellt wird.

Zugleich ist die Reichweite des Verfahrens begrenzt. Die funktionale Interpretation von Zitationen bleibt trotz systematischer Codierung bis zu einem gewissen Grad kontextabhängig, und auch ein ausgewogenes Korpus kann nicht alle disziplinären und institutionellen Varianzen wissenschaftlicher Schreibpraxis abbilden. Für die vorliegende Fragestellung ist der gewählte Zugang jedoch geeignet, weil er die segmentübergreifende Organisation von Zitierfunktionen im deutsch-chinesischen Vergleich empirisch belastbar erfassen kann.

 

4. Empirische Ergebnisse und Diskussion

Die quantitative und qualitative Analyse deutet auf tendenzielle kulturpragmatische Unterschiede in der diskursiven Herstellung wissenschaftlicher Legitimität hin. Diese Unterschiede betreffen ersten Befunden zufolge nicht nur die Verteilung einzelner Zitierfunktionen, sondern auch deren segmentübergreifende Verknüpfung zwischen Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung. Im Folgenden soll detailliert untersucht werden, inwieweit die Ergebnisse die im theoretischen Teil entwickelte Annahme stützen, dass wissenschaftliche Textorganisation und Autorpositionierung kulturabhängig geprägt sind und sich diese Prägungen in spezifischen Mustern der Standpunkt-Aushandlung niederschlagen.

 

4.1 Kontrastive Zitationsprofile: Lücken- versus Relevanzlogik

Im kontrastiven Vergleich deuten die Befunde auf zwei tendenziell unterschiedliche Muster wissenschaftlicher Legitimation hin, die im Folgenden näher analysiert werden sollen. Die folgende Tabelle fasst jene Zitierfunktionen zusammen, die für die Gegenüberstellung der deutschen und chinesischen Fachartikel besonders aufschlussreich sind. Dabei beziehen sich die absoluten Fallzahlen (n) auf die Anzahl der Artikel im jeweiligen Teilkorpus (gesamt N = 160), in denen die jeweilige Zitierfunktion mindestens einmal als dominantes argumentatives Muster nachgewiesen werden konnte:

Zitierfunktion

Deutsche Artikel (n = 80)

Chinesische Artikel (n = 80)

Dominanz- muster

Kritik

90,00 % (n = 72)

21,25 % (n = 17)

Deutsch (explizit)

Lücken- markierung

85,00 % (n = 68)

30,00 % (n = 24)

Deutsch (kontraktiv)

Hintergrund

45,00 % (n = 36)

86,25 % (n = 69)

Chinesisch (expansiv)

Stützung

40,00 % (n = 32)

81,25 % (n = 65)

Chinesisch (konsensual)

Tab. 3: Verteilung zentraler Zitierfunktionen im kontrastiven Vergleich

Die in Tabelle 3 dargestellten Verteilungen weisen auf zwei charakteristische Zitationsprofile hin, die sich in ihrer argumentativen Ausrichtung unterscheiden. Deutschsprachige Texte folgen überwiegend einer Lückenlogik – der Begründung der eigenen Relevanz durch das Aufzeigen von Defiziten im Forschungsstand, wie in Kap. 2.2 definiert –, in der die Notwendigkeit des eigenen Beitrags durch Kritik und Defizitmarkierung profiliert wird. Dies zeigt sich insbesondere in den hohen Anteilen der Funktionen Kritik (90,00 %; n = 72) und Lückenmarkierung (85,00 %; n = 68). Charakteristisch ist dabei der häufige Einsatz adversativer und restriktiver Verfahren, mit denen bestehende Forschung begrenzt, relativiert oder als unzureichend ausgewiesen wird. Dass kritische Positionierungen im deutschen Korpus überwiegend explizit formuliert werden, korrespondiert mit den von Clyne (1991) beschriebenen Merkmalen des deutschsprachigen Wissenschaftsstils, der im Vergleich zur angloamerikanischen Tradition eine deutlich ausgeprägtere Tendenz zu expliziten akademischen Kontroversen und direkter Problematisierung aufweist.

Demgegenüber wird in chinesischsprachigen Beiträgen eine Relevanzlogik bevorzugt: die additive Einbettung des eigenen Beitrags in den bestehenden Wissensraum. Im chinesischen Korpus dominieren entsprechend die Zitierfunktionen Hintergrund – die bloße Bereitstellung von Kontext- und Referenzwissen ohne wertende Stellungnahme (86,25 %; n = 69) – und Stützung – die zustimmende und bekräftigende Bezugnahme auf bestehende Autoritäten (81,25 %; n = 65). Beide dienen dazu, vorhandenes Wissen einzuordnen, zu erweitern und argumentativ abzusichern, anstatt bestehende Forschung kontrastiv zuzuspitzen. Relevanz entsteht hier weniger durch explizite Defizitmarkierung als vielmehr durch die Einordnung des eigenen Beitrags in bestehende Wissenszusammenhänge, durch Anschlussfähigkeit an etablierte Forschung und durch konsensuelle Absicherung. Dazu passt, dass Kritik im chinesischen Korpus zu 78,75 % (n = 63 von N = 80) indirekt und unter verstärktem Einsatz von Hedging realisiert wird. Die Daten stützen damit die in unserem Forschungsüberblick (Dieser Begriff ist hier notwendig, um Deinen Forschungsstand von dem der untersuchten Korpusartikel abzugrenzen) diskutierte Annahme, dass chinesischsprachige Fachtexte stärker auf integrative Formen wissenschaftlicher Legitimation ausgerichtet sind.

Die Unterschiede zwischen beiden Korpora lassen somit auf funktionale und systematische Differenzen schließen. Für die Beantwortung der Forschungsfragen ist besonders relevant, dass sich hier zwei unterschiedliche Modi wissenschaftlicher Legitimation abzeichnen: eine kontraktive, defizitorientierte Argumentationsweise im deutschen Korpus und eine expansive, konsensorientierte Argumentationsweise im chinesischen Korpus. Dieser Befund trägt damit unmittelbar zur Beantwortung der ersten Forschungsfrage nach den Mustern der Zitationsfunktionen und der dritten Forschungsfrage nach den kulturpragmatischen Unterschieden in der Stance-Etablierung bei.

 

4.2 Interaktionale Kohärenz: Die Dynamik der funktionalen Argumentationsschleife

Über die Verteilung einzelner Zitierfunktionen hinaus zeigt unsere Analyse, dass sich die beiden Korpora auch in der segmentübergreifenden Organisation wissenschaftlicher Argumentation unterscheiden. Für die Beantwortung der zweiten Forschungsfrage, die auf die funktionale Verknüpfung dieser Zitierfunktionen über die drei Textsegmente (Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung) hinweg abzielt, ist dabei entscheidend, ob eine in der Einleitung markierte Problemstellung im Forschungsstand aufgegriffen und in der Schlussfolgerung als bearbeitet ausgewiesen wird. Auf dieser Grundlage lassen sich zwei Grundmuster unterscheiden: vollständige funktionale Argumentationsschleifen, in denen Problemexposition, theoretische Fundierung und Beitragspositionierung konsistent miteinander verknüpft sind, und fragmentierte funktionale Argumentationsschleifen, in denen diese sequenzielle Verknüpfung nur partiell realisiert wird.

Erstens fanden sich vollständige funktionale Argumentationsschleifen in Artikeln, in denen eine eingangs exponierte Forschungslücke im weiteren Verlauf theoretisch präzisiert und in der Schlussfolgerung explizit auf den eigenen Beitrag bezogen wurde. Wissenschaftliche Legitimität entsteht hier durch die konsistente Verknüpfung mehrerer Textsegmente. Dieser Befund stützt die funktional-pragmatische Annahme, dass wissenschaftliche Legitimität nicht punktuell, sondern durch die sequentielle Kopplung institutionalisierter Handlungsmuster hergestellt wird. Die argumentative Kausalität, die die Qualität einer solchen funktionalen Argumentationsschleife bestimmt, lässt sich wie folgt erklären: Die in der Einleitung etablierte Forschungslücke fungiert als kognitiver und argumentativer ,Anker’. Sie erzeugt eine argumentative Spannung, die kausal bestimmt, welche Vorarbeiten im Forschungsstand selektiert und kritisch reevaluiert werden müssen. Eine qualitativ hochwertige (vollständige) Argumentationsschleife zeichnet sich dadurch aus, dass diese eingangs aufgebaute Spannung im Fazit nicht nur rein formal aufgegriffen, sondern kausal als gelöst ausgewiesen wird (Desiderat theoretische Fundierung Auflösung). Als vollständig galt eine Argumentationsschleife, wenn das in der Einleitung benannte Desiderat im Forschungsstand kritisch wiederaufgenommen und in der Schlussfolgerung mit explizitem Lösungsbezug verknüpft wurde; fehlte eines dieser Elemente, wurde die Argumentationsschleife als fragmentiert kodiert.

Zweitens zeigten sich fragmentierte funktionale Argumentationsschleifen in Artikeln, in denen eine in der Einleitung formulierte Problemstellung im weiteren Textverlauf nicht systematisch aufgegriffen und in der Schlussfolgerung nicht ausdrücklich mit dem eigenen Beitrag verknüpft wurde. So wurde zwar eingangs ein Forschungsdesiderat benannt, dieses im Forschungsstand jedoch nicht hinreichend theoretisch konturiert und am Ende nicht klar als bearbeitet ausgewiesen. Die argumentative Verbindung zwischen Problemformulierung, theoretischer Einbettung und Beitragsdarstellung blieb in solchen Fällen bruchstückhaft. Gerade diese Konstellation macht sichtbar, dass wissenschaftliche Kohärenz nicht allein vom Vorhandensein einzelner Zitierfunktionen abhängt, sondern von ihrer konsistenten sequentiellen Verknüpfung. Bei diesen fragmentierten Argumentationsschleifen bricht die genannte Kausalitätskette ab: Das Desiderat bleibt eine bloße rhetorische Geste ohne argumentative Konsequenzen für den weiteren Textverlauf. Ohne diese kausale Rückbindung verlieren die Leser den roten Faden der Beweisführung, was die Kohärenz und damit die wissenschaftliche Überzeugungskraft des Gesamtbeitrags maßgeblich schwächt.

Der zentrale Ertrag dieses Befundes besteht in der Erkenntnis, dass die Qualität wissenschaftlicher Argumentation nicht allein von der Häufigkeit einzelner Zitierfunktionen abhängt, sondern von deren sequentieller Einbettung. Die Studie verschiebt damit die Perspektive von einer segmentbezogenen zu einer relationalen Analyse wissenschaftlicher Textorganisation.

 

4.3 Qualitative Musteranalyse: Strategien der Autorpositionierung

Unsere qualitative Analyse dient dazu, die quantitativen Befunde um eine prozessuale Perspektive zu erweitern. Sie zeigt, dass sich die Unterschiede zwischen beiden Korpora nicht nur in der Häufigkeit einzelner Zitierfunktionen, sondern auch in der Art und Weise manifestierten, wie die Autorpositionierung über mehrere Textsegmente hinweg hergestellt wurde. Im Zentrum stand damit nicht die isolierte Funktion einzelner Zitationen, sondern ihre sequenzielle Reorganisation im Textverlauf.

Ein wiederkehrendes Muster im deutschen Korpus lässt sich in drei Schritten beschreiben. In der Einleitung diente der Bezug auf eine Quelle zunächst der Verortung des Forschungsfeldes und der Herstellung eines gemeinsamen Wissenshorizonts. Im Forschungsstand wurde derselbe Bezug kritisch reinterpretiert, um die Forschungslücke weiter zu konturieren. In der Schlussfolgerung fungierte die zitierte Position schließlich als Kontrastfolie, vor der die Spezifik des eigenen Beitrags profiliert wird. Der qualitative Befund besteht hier also darin, dass Zitationen im deutschen Korpus häufiger funktional umgerahmt wurden und je nach Textphase unterschiedliche argumentative Aufgaben übernahmen. Die Autorpositionierung erfolgte damit bevorzugt über funktionale Verschiebung und kontrastive Neuperspektivierung.

Im chinesischen Korpus zeigte sich demgegenüber häufig ein anderes Muster. Zitationen wurden über mehrere Textsegmente hinweg eher in einer stabilen unterstützenden Funktion beibehalten, insbesondere als Hintergrund oder Stützung. Die Positionierung des Autors entstand hier weniger durch funktionale Umrahmung als durch die fortlaufende Einbettung des eigenen Beitrags in bestehende Wissenszusammenhänge. Der qualitative Befund verwies somit auf eine stärker integrative und konsensorientierte Form wissenschaftlicher Legitimation.

Die folgende Tabelle veranschaulicht typische sprachlich-funktionale Marker, mit denen diese unterschiedlichen Strategien der Standpunktaushandlung sprachlich realisiert werden:

Funktion

Deutsche Marker (Beispiele)

Chinesische Marker (Beispiele)

Strategie

Kontrastierung

jedoch, allerdings, hingegen

aber, obgleich (indirekt)

Kontraktion

Wissenshäufung

zudem, des Weiteren, ferner

darüber hinaus, auch

Expansion

Evaluative Positionierung

unzureichend, beschränkt auf

wertvoll, bedeutend

Stance

Tab. 4: Sprachlich-funktionale Marker der Stance Negotiation

Die qualitative Analyse präzisiert damit die bisherigen Befunde in zweierlei Hinsicht: Erstens zeigt sie, dass Positionierung des Autors im deutschen Korpus häufiger durch funktionale Verschiebung derselben Zitationsbezüge erfolgte, wenn also ein und dieselbe Referenz in der Einleitung zur Defizitmarkierung, im Forschungsstand zur Einordnung und in der Schlussfolgerung zur Profilierung des eigenen Beitrags eingesetzt wurde. Zweitens weist sie darauf hin, dass im chinesischen Korpus eher stabile, konsensorientierte Zitationsrollen dominierten, indem zitierte Arbeiten segmentübergreifend vor allem der Kontextualisierung, Stützung und Einbettung des eigenen Beitrags dienten. Damit wird auch die dritte Forschungsfrage qualitativ weiter ausdifferenziert, insbesondere im Hinblick auf die Dynamik, mit der Autoren ihre argumentative Rolle und ihre Positionierungsstrategien im Textverlauf flexibel anpassen.

 

5  Fazit und Ausblick

In der vorliegenden Studie ist untersucht worden, wie Zitierfunktionen in deutsch- und chinesischsprachigen linguistischen Fachartikeln zwischen Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung zusammenwirken und zur Herstellung wissenschaftlicher Legitimität beitragen. Die Ergebnisse zeigen, dass Zitationen nicht nur lokal als Verweise auf Vorarbeiten fungieren, sondern segmentübergreifend in die argumentative Organisation wissenschaftlicher Texte eingebunden sind. Der zentrale Beitrag der Studie besteht darin, diese Zusammenhänge als funktionale Argumentationsschleife zu modellieren und im deutsch-chinesischen Vergleich empirisch zu rekonstruieren.

 

5.1 Beantwortung der Forschungsfragen

Im Hinblick auf die erste Forschungsfrage zeigt die Analyse, dass sich in beiden Korpora unterschiedliche funktionale Profile abzeichnten. Während im deutschen Korpus vor allem Kritik und Lückenmarkierung dominierten, traten im chinesischen Korpus insbesondere Hintergrunddarstellung und Stützung hervor. Zitationen wurden in beiden wissenschaftlichen Traditionen somit nicht identisch funktionalisiert, sondern folgten unterschiedlichen Mustern wissenschaftlicher Legitimation.

Zur zweiten Forschungsfrage konnte gezeigt werden, dass die Überzeugungskraft wissenschaftlicher Texte nicht allein von einzelnen Zitierfunktionen abhing, sondern von ihrer sequenziellen Verknüpfung über mehrere Textsegmente hinweg. Besonders überzeugende Artikel zeichnten sich dadurch aus, dass eine in der Einleitung markierte Problemstellung im Forschungsstand theoretisch präzisiert und in der Schlussfolgerung als bearbeitet oder differenziert ausgewiesen wurde. Die Unterscheidung zwischen vollständigen funktionalen Argumentationsschleifen und fragmentierten funktionalen Argumentationsschleifen machte deutlich, dass wissenschaftliche Kohärenz wesentlich auf dieser interaktionalen Kopplung beruht.

Auch die dritte Forschungsfrage lässt sich klar beantworten. Die Ergebnisse belegen deutliche kulturpragmatische Unterschiede in der Organisation dieser segmentübergreifenden Zitierpraktiken. Deutschsprachige Texte folgten eher einer kontraktiven Lückenlogik, chinesischsprachige Texte dagegen stärker einer expansiven Relevanzlogik. Diese Differenz zeigte sich nicht nur in einzelnen Zitierfunktionen, sondern auch in der Art und Weise, wie Kritik, Autorpositionierung und argumentative Anschlussfähigkeit über den Textverlauf hinweg realisiert wurden.

 

5.2 Rückbindung an die aktuelle Forschung

Die Ergebnisse bestätigen und differenzieren zentrale Annahmen der im theoretischen Teil diskutierten Forschung:

  • Sie stützen die funktional-pragmatische Perspektive von Ehlich & Rehbein (1986: 15), wonach wissenschaftliches Schreiben als Abfolge institutionalisierter Handlungsmuster verstanden werden kann. Die vorliegende Studie zeigt, dass Zitationen in diesem Zusammenhang als diskursive Mittel der Problemexposition, theoretischen Fundierung und Beitragspositionierung fungieren.

  • Sie erweitern das CARS-Modell von Swales (1990: 141). Unsere Untersuchung macht deutlich, dass die in der Einleitung etablierte Forschungslücke nicht nur eröffnet, sondern über Forschungsstand und Schlussfolgerung hinweg aufrechterhalten und eingelöst werden muss. Damit wird die klassische Perspektive auf Einleitungen um eine segmentübergreifende Sicht auf wissenschaftliche Textorganisation allgemein ergänzt.

  • Sie bestätigen – insbesondere durch die kontrastiven Befunde zur direkten und indirekten Kritik – die Annahmen zur kulturabhängigen Stance Negotiation, wie sie unter anderem bei Graefen (2017: 85) sowie bei Hyland, Wang & Jiang (2022) beschrieben werden. Zugleich zeigt die Studie, dass sich diese Unterschiede nicht in lokalen Stilpräferenzen erschöpfen, sondern die argumentative Gesamtarchitektur wissenschaftlicher Texte prägen.

 

5.3 Beitrag der Studie

Die Relevanz der vorliegenden Studie liegt in drei miteinander verbundenen Aspekten.

  • Mit dem Begriff der funktionalen Argumentationsschleife wird ein Analysekonzept entwickelt, mit dem Zitationen nicht als punktuelle Referenzhandlungen, sondern als sequenziell verknüpfte Ressourcen wissenschaftlicher Legitimation beschrieben werden.

  • Die vorliegende Studie zeigt, dass sich deutsch- und chinesischsprachige Fachartikel nicht nur in einzelnen Zitierfunktionen, sondern auch in der segmentübergreifenden Organisation wissenschaftlicher Argumentation unterscheiden. Der zentrale empirische Ertrag liegt darin, dass kulturpragmatische Differenzen damit nicht als lokale Varianten des Zitierens, sondern als systematische Unterschiede in der textuellen Herstellung wissenschaftlicher Kohärenz und Legitimität sichtbar werden.

  • Die Studie eröffnet Anschlussmöglichkeiten für die interkulturelle Schreibforschung, die kontrastive Fachtextanalyse und die wissenschaftliche Schreibdidaktik, weil sie ein Modell bereitstellt, mit dem argumentative Kohärenz in differenzierterer Form beschrieben werden kann.

Für den internationalen Publikationskontext ist besonders relevant, dass die Überzeugungskraft eines Fachartikels nicht allein von seiner grammatischen Korrektheit oder der Anzahl der in ihm verwendeten Zitationen abhängt. Entscheidend ist vielmehr, ob die Zitationen so eingesetzt werden, dass zwischen Problemstellung, Forschungsstand und Beitragspositionierung eine nachvollziehbare argumentative Verbindung entsteht.

 

5.4 Ausblick

Für die weitere Forschung bietet es sich an, das Modell der funktionalen Argumentationsschleife auf andere Disziplinen und Textsorten auszuweiten, um zu prüfen, inwieweit die hier identifizierten Muster fachspezifisch oder fachübergreifend gelten. Ebenso bleibt zu untersuchen, welchen Einfluss unterschiedliche Schreibtraditionen in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, institutionelle Rahmenbedingungen und Publikationssprachen auf die Stabilität oder Fragmentierung solcher Strukturen haben.

Darüber hinaus eröffnet die Studie eine weiterführende Perspektive für die Schreibforschung, indem sie wissenschaftliches Schreiben nicht nur auf der Ebene einzelner Textsegmente, sondern im Zusammenspiel wiederkehrender sprachlicher Phänomene über den Textverlauf hinweg untersucht. Am Beispiel von Zitationen wird sichtbar, wie sich die argumentativen Funktionen von Referenzen zwischen Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung verschieben, aufeinander beziehen und gemeinsam zur Herstellung argumentativer Kohärenz beitragen. Damit wird ein Zugang eröffnet, über den sich tiefer liegende Strategien wissenschaftlicher Textorganisation potenziell präziser erfassen lassen.

 

 

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Autorin:

Prof. Dr. Shing-Lung Chen

National Kaohsiung University of Science and Technology (NKUST)

Institut für Angewandtes Deutsch

2, Jhuoyue Rd.

Nanzih District

Kaohsiung City 811

Taiwan

R.O.C.

E-Mail: chensl@nkust.edu.tw



[1] Im Rahmen der vorliegenden Studie wurden digitale und KI-gestützte Verfahren ausschließlich zur technischen Vorstrukturierung des Datenmaterials eingesetzt, nicht jedoch zur inhaltlichen Analyse oder Interpretation. Konkret wurden die 160 PDF-Dokumente mittels eines Python-basierten Skripts (unter Nutzung der Bibliothek PyPDF2) in bereinigten Fließtext überführt. Anschließend kam ein lokal betriebenes Large Language Model (LLM; Llama-3), gesteuert über eine standardisierte lokale API-Schnittstelle (via Ollama), zum Einsatz, um Sätze mit formalen Zitationsmarkern (z. B. Klammerbelege, Autor-Jahr-Angaben) zu identifizieren und den jeweiligen Textsegmenten (Einleitung, Forschungsstand, Schlussfolgerung) zuzuordnen. Diese KI-gestützte Vorstrukturierung diente ausschließlich der effizienten Datenaufbereitung. Die anschließende funktionale Codierung, die qualitative Interpretation sowie sämtliche wissenschaftlichen Schlussfolgerungen erfolgten vollständig manuell durch die Autorin. Generative KI-Systeme wurden zu keinem Zeitpunkt zur Erstellung, Formulierung oder inhaltlichen Ausarbeitung des Fließtextes dieses Beitrags verwendet.

[2] Mit dem Begriff Wissensproduktion ist hier nicht nur die Darstellung bereits vorliegender Erkenntnisse gemeint, sondern auch deren diskursive Auswahl, Strukturierung und Geltungsbegründung im wissenschaftlichen Text.

[3] Anschlussfähigkeit bezeichnet im vorliegenden Zusammenhang die Möglichkeit, einen Forschungsbeitrag argumentativ so zu positionieren, dass er an bestehende Fachdiskurse anknüpft und dort als weiterführend wahrgenommen werden kann.

[4] Der Ausdruck Professionalisierung bezeichnet hier keine normative Bewertung, sondern die bei der wissenschaftlichen Textproduktion erwartbare Fähigkeit, sprachliche und intertextuelle Mittel adressatenspezifisch und kontextuell angemessen einzusetzen.

[5] Mit Stance Negotiation ist die textuelle Aushandlung epistemischer, evaluativer und argumentativer Positionierungen im Verhältnis zu anderer Forschung gemeint.

[6]  Sequenziell bedeutet hier, dass die quantitative Erfassung der Zitierfunktionen die Grundlage für die anschließende qualitative Vertiefung bildet; beide Schritte sind somit analytisch aufeinander bezogen.