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Journal of Linguistics and Language Teaching

Volume 17 (2026) Issue 2

Official journal website: www.journaloflinguisticsandlanguageteaching.com

Zitierfunktionen in deutsch- und chinesischsprachigen Zeitschriftenartikeln: Eine kontrastive Analyse segmentübergreifender wissenschaftlicher Legitimation

Abstract (Deutsch)

Der vorliegende Beitrag[1] untersucht, wie Zitationen in deutsch- und chinesischsprachigen linguistischen Fachartikeln die segmentübergreifende Interaktion zwischen Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung strukturieren. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass wissenschaftliche Geltung nicht in isolierten Textsegmenten entsteht, sondern aus deren argumentativer Verknüpfung hervorgeht. Auf der Grundlage eines Korpus von 160 wissenschaftlich begutachteten Artikeln aus den Jahren 2016 bis 2025 werden Zitationen als diskursive Ressourcen der Problemexposition, theoretischen Fundierung und Beitragspositionierung untersucht. Die Ergebnisse zeigen deutliche kulturpragmatische Unterschiede: In deutschsprachigen Texten werden explizite Defizitmarkierungen und kontraktive Argumentationsmuster bevorzugt, in chinesischsprachigen Texten hingegen integrative, expansive Strukturen und konsensorientierte Legitimationsverfahren. Damit wird deutlich, dass Zitationen nicht nur der Bezugnahme auf Vorarbeiten dienen, sondern maßgeblich zur segmentübergreifenden Herstellung wissenschaftlicher Kohärenz und Legitimität beitragen.

Stichwörter: Handlungsmuster, Zitationsfunktionen, Interkulturelle Rhetorik, Funktionale Pragmatik, Stance Negotiation

Abstract (English)

This article investigates how citations structure the cross-segmental interaction among the Introduction, Literature Review, and Conclusion in German- and Chinese linguistics research articles. It is based on the premise that academic legitimacy is not established within isolated textual segments, but emerges through their argumentative integration. Drawing on a corpus of 160 peer-reviewed articles published between 2016 and 2025, the study examines citations as discursive resources for constructing research problems, providing theoretical grounding, and positioning authorial contributions. The findings reveal marked cross-cultural pragmatic differences: German articles tend to rely on explicit deficit marking and contractive patterns of argumentation, whereas Chinese-language articles more often employ integrative, expansive structures and consensus-oriented strategies of legitimation. The study thus shows that citations do more than acknowledge prior research; they play a constitutive role in establishing cross-segmental academic coherence and legitimacy.

Keywords: Patterns of action, citation functions, intercultural rhetoric, functional pragmatics, stance negotiation

1 Einleitung

Wissenschaftliche Fachartikel präsentieren nicht nur Forschungsergebnisse; sie müssen diese auch als relevant, anschlussfähig und wissenschaftlich legitim ausweisen. Gerade darin liegt eine zentrale Herausforderung wissenschaftlicher Kommunikation: Erkenntnis entsteht im Fachartikel nicht allein durch neue Daten oder neue Argumente, sondern auch dadurch, dass der eigene Beitrag in bestehende Wissenszusammenhänge eingeordnet, von früherer Forschung abgegrenzt und als bearbeitungsrelevant profiliert wird. Fachtexte sind damit nicht bloß Träger von Forschungsergebnissen, sondern institutionalisierte Räume der Wissensproduktion[2], in denen Relevanz, Anschlussfähigkeit[3] und wissenschaftliche Legitimität diskursiv hergestellt werden (Ehlich & Graefen 2001: 369–371). In transkulturellen Publikationskontexten gewinnt daher die Frage besondere Bedeutung, wie diese Legitimation textuell organisiert wird und welche Rolle Zitationen dabei spielen. Einsatz von diesen ist nicht bloß Ausdruck formaler Wissenschaftlichkeit, sondern Teil einer „rhetorischen Professionalisierung“[4], in der die jeweils relevanten Bezugnahmen als aktive Wissenshandlungen eingesetzt werden (Hyland 2005: 177f).

Gerade in internationalen Publikationskontexten ist diese Frage nicht nur textlinguistisch, sondern auch wissenschaftspraktisch relevant. Die Überzeugungskraft eines Fachartikels hängt nicht allein von den präsentierten Ergebnissen ab, sondern ebenso davon, wie die Problemstellung eingeführt, der jeweilige Forschungsstand – verstanden als der aktuelle, dynamische wissenschaftliche Diskurs – eingeordnet, der etablierte Wissensbestand der Disziplin – im Sinne des sedimentierten, weithin akzeptierten Fachwissens – strukturiert und eigene Beiträge profiliert werden. Dabei ist es keineswegs selbstverständlich, dass diese Verfahren in unterschiedlichen wissenschaftlichen Traditionen nach denselben Mustern erfolgen. Vielmehr lässt sich gerade im Vergleich deutsch- und chinesischsprachiger Fachartikel vermuten, dass unterschiedliche Normen der Kritik, Selbstpositionierung und Wissenslegitimation in der Textorganisation wirksam werden. Die Frage ist daher nicht nur, ob zitiert wird, sondern wie Zitationen in verschiedenen funktionalen Textsegmenten (Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung) dazu beitragen, wissenschaftliche Geltung herzustellen.

In der Forschung ist diese Problematik aus mehreren Perspektiven erschlossen worden. Genre-analytische Ansätze betonen die Makrostruktur wissenschaftlicher Texte und beschreiben insbesondere Einleitungen als Orte der Problempräsentation, Nischenbildung und der Eröffnung des jeweiligen Forschungsraums, etwa im CARS-Modell von Swales (1990: 140–145). Auch spätere Arbeiten haben gezeigt, dass diese Perspektive für kontrastive Analysen wissenschaftlicher Einleitungsstrukturen produktiv ist (Swales & Feak 2012: 35–41; Samraj 2002: 7–11; Sheldon 2011: 239–242).

Die funktionale Pragmatik versteht wissenschaftliches Schreiben demgegenüber als Abfolge institutionalisierter Handlungsmuster, in denen sprachliche Mittel zur Bearbeitung spezifischer Wissensprobleme eingesetzt werden (Ehlich & Rehbein 1986: 15f; Ehlich 1993: 24–26). In interaktionsorientierten und metadiskursiven Ansätzen wird schließlich hervorgehoben, dass Zitationen nicht der Organisation von Wissen dienen, sondern auch der Aushandlung von Standpunkten, der Positionierung des Autors und der diskursiven Verknüpfung dienen (Thompson & Ye 1991: 369–372; Hyland 2005: 52–90, 177–181; Ädel 2006: 15–19).

Hinzu kommt die Zitationsforschung im engeren Sinne, die früh zwischen referierenden, unterstützenden, kontrastierenden und evaluativen Verwendungsweisen unterschieden (Weinstock 1971: 18–23; Moravcsik & Murugesan 1975: 88–92) und in neueren Arbeiten den rhetorischen und disziplinären Charakter von Zitationen stärker herausgearbeitet hat (Hyland 2005: 177–181; Petrić 2007: 240–244).

Diese theoretische Mehrperspektivität ist aufschlussreich, macht aber zugleich eine methodische Begrenzung sichtbar. Einerseits ist gut belegt, dass Zitationen epistemische, rhetorische und interaktionale Funktionen übernehmen. Andererseits sind diese Funktionen bislang häufig entweder mit Blick auf einzelne Textsegmente oder im Rahmen einzelner wissenschaftlicher Traditionen untersucht worden. Besonders gut erforscht sind Einleitungsstrukturen, die Markierung von Forschungslücken und einzelne Formen der Autorpositionierung (Swales 1990: 140–145; Hyland 2005: 177–184; Sheldon 2011: 239–250; zur kontrastiven Analyse von Einleitungs- und Textsegmentstrukturen im Deutsch-Chinesischen auch Chen 2023: 5–8; Chen 2024: 205–208). Ebenso liegen differenzierte Arbeiten zu funktionalen Zitationskategorien vor (Moravcsik & Murugesan 1975: 88–92; Petrić 2007: 240–244). Weniger systematisch untersucht wurde bislang jedoch, wie Zitationen über mehrere Textsegmente hinweg zusammenwirken: wie also beispielsweise eine in der Einleitung markierte Forschungslücke im Forschungsstand theoretisch fundiert und in der Schlussfolgerung auf den eigenen Beitrag bezogen und als bearbeitet ausgewiesen wird (Swales 1990: 140–142). Gerade hierin liegt jedoch ein zentraler Punkt wissenschaftlicher Argumentation. Denn wenn Legitimität nicht punktuell, sondern prozessual entsteht, reicht es nicht aus, einzelne Zitierfunktionen isoliert zu erfassen; vielmehr muss untersucht werden, wie sie sich zu einer argumentativen Sequenz verbinden, die Problemexposition, Wissenseinbettung und Beitragsprofilierung miteinander koppelt.

Gerade im interkulturellen Vergleich tritt diese Forschungslücke besonders deutlich hervor. Interkulturelle Studien legen nahe, dass wissenschaftliche Positionierung, Kritik und Selbstreferenz kulturabhängig unterschiedlich normiert sind. Während in vielen westlich geprägten Wissenschaftstraditionen explizite Defizitmarkierungen als legitime Form wissenschaftlicher Profilierung gelten, werden in ostasiatischen akademischen Kontexten häufiger abschwächende und stärker konsensorientierte Formen der Positionierung bevorzugt (Graefen 2002: 50; Hu & Cao 2011: 2798–2803; Hyland, Wang & Jiang 2022). Auch in kontrastiven Untersuchungen wird darauf verwiesen, dass deutschsprachige oder anglophone Texte häufiger kontraktive Muster der Problemprofilierung – d.h. argumentative Verfahren, die alternative Perspektiven durch explizite Limitation oder Zurückweisung einschränken, um den eigenen Geltungsanspruch zu fokussieren – aufweisen, während chinesischsprachige Texte eher additive oder integrative Formen der Begründung – verstanden als Verfahren, die bestehende Forschung konsensual anhäufen und den eigenen Beitrag harmonisch in den Wissensbestand einbetten – bevorzugen (Clyne 1987: 214–218; Duszak 1994: 299–303; Sheldon 2011: 242–250). Die Sichtbarkeit der Position des Autors ist ebenfalls wissenschaftskulturell variabel: In manchen Kontexten gilt Selbstreferenz als Zeichen wissenschaftlicher Verantwortung und Klarheit, in anderen wird sie eher zugunsten depersonalisierter Darstellungsformen zurückgenommen (Hyland 2002: 1095–1101; Graefen & Moll 2011: 76–81). Damit stellt sich die Frage nicht nur nach unterschiedlichen Zitierfunktionen, sondern auch diejenige nach unterschiedlichen kulturpragmatischen Logiken, in denen Zitationen zur Herstellung wissenschaftlicher Legitimität eingesetzt werden.

Vor diesem Hintergrund wird in der vorliegenden Studie ein integriertes Analysemodell zur Beschreibung der Interaktion zwischen den Textsegmenten  Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung entwickelt. Im Zentrum steht dabei das Konzept der funktionalen Argumentationsschleife (Loop) – verstanden als argumentative Struktur, in der Zitationen dazu beitragen, eine Forschungslücke zu markieren, theoretisch zu legitimieren und den eigenen Beitrag am Textende als relevant und anschlussfähig auszuweisen. Zitationen werden damit nicht als punktuelle Referenzhandlungen, sondern als diskursive Ressourcen wissenschaftlicher Kohärenz und Legitimität konzipiert. Der analytische Mehrwert unseres Modells liegt darin, dass es funktional-pragmatische, genre-analytische und interaktionsorientierte Perspektiven zusammenführt und damit eine Beschreibung jener segmentübergreifenden Verknüpfungen erlaubt, die in bisherigen Studien meist nur ausschnitthaft erfasst wurden. Gerade im deutsch-chinesischen Vergleich eröffnet dieses Modell die Möglichkeit, Unterschiede nicht nur auf der Ebene einzelner Zitierhandlungen, sondern in der textuellen Herstellung wissenschaftlicher Geltung sichtbar zu machen.

Aus diesen Zusammenhängen ergeben sich drei Forschungsfragen:

  1. Welche Zitierfunktionen treten in den Textsegmenten Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung deutsch- und chinesischsprachiger linguistischer Fachartikel auf?

  2. Wie werden diese Zitierfunktionen über diese drei Textsegmente hinweg funktional miteinander verknüpft?

  3. Welche kulturpragmatischen Unterschiede zeigen sich dabei in der Herstellung wissenschaftlicher Legitimität und der Positionierung des eigenen Forschungsbeitrags?

Zur Beantwortung dieser Fragen wird in der vorliegenden Studie ein Korpus von 160 wissenschaftlich begutachteten linguistischen Fachartikeln aus dem Zeitraum 2016 bis 2025 analysiert. Ziel ist es, systematische Unterschiede zwischen der deutschen und der chinesischen Wissenschaftskultur sichtbar zu machen und daraus Erkenntnisse für die interkulturelle Schreibforschung, die kontrastive Fachtextanalyse und die wissenschaftliche Schreibdidaktik zu gewinnen.

Der Beitrag ist wie folgt aufgebaut: In Kapitel 2 werden die theoretischen Grundlagen und der aktuelle Stand der Forschung zu funktionaler Pragmatik, Zitationspraxis und Stance Negotiation skizziert[5]. In Kapitel 3 werden das methodische Vorgehen, die Korpusauswahl und die Analyseschritte erläutert. In Kapitel 4 werden die empirischen Ergebnisse präsentiert und im Hinblick auf die Forschungsfragen diskutiert. In Kapitel 5 werden die zentralen Befunde gebündelt, der wissenschaftliche Mehrwert der Studie herausgearbeitet und Perspektiven für die weitere Forschung skizziert.

2 Theoretischer Rahmen und Stand der Forschung

Die Erforschung wissenschaftlicher Zitationen steht vor einem doppelten Problem:

  • Einerseits besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass Zitationen in wissenschaftlichen Texten weit mehr leisten als bloße Quellenverweise; sie strukturieren Wissen, markieren Positionen und tragen zur Herstellung wissenschaftlicher Geltung bei.

  • Andererseits bleibt umstritten bzw. zumindest unzureichend bestimmt, auf welcher Analyseebene diese Leistungen am angemessensten erfasst werden können: als lokale Funktion einzelner Textstellen, als Teil genretypischer Makrostrukturen oder als Ausdruck kulturabhängiger Verfahren wissenschaftlicher Positionierung.

Für die vorliegende Untersuchung ist daher entscheidend, Zitationen nicht lediglich als formale Verweise, sondern als Mittel der Wissensorganisation und Positionierung zu verstehen. Der aktuelle Stand der Forschung zeigt, dass Zitationen in wissenschaftlichen Texten zugleich epistemische, rhetorische und interaktionale Funktionen übernehmen. Um die in der Einleitung formulierten Forschungsfragen zu beantworten, bedarf es daher einer Perspektive, die funktional-pragmatische, genre-analytische und kulturpragmatische Ansätze systematisch miteinander verbindet.

2.1 Funktionale und genrebezogene Zugänge zu Zitationen

Ein erster Zugang zur Beschreibung wissenschaftlicher Zitationen ergibt sich aus der funktionalen Pragmatik. In dieser Betrachtungsweise wird wissenschaftliches Schreiben nicht als neutrale Darstellung von Erkenntnissen verstanden, sondern als Abfolge institutionalisierter Handlungsmuster, die auf die Bearbeitung spezifischer Wissensprobleme gerichtet sind (Ehlich & Rehbein 1986: 15–16; Ehlich 1993: 24–26). Diese Sichtweise ist für die vorliegende Studie deshalb besonders produktiv, weil sie den Blick von einzelnen sprachlichen Formen auf ihre Einbettung in übergeordnete Handlungszusammenhänge lenkt. Zitationen erscheinen damit nicht als bloße Verweise auf bereits existierende Forschungsliteratur, sondern als Mittel, mit denen Vorwissen strukturiert, Anschlussstellen identifiziert, Problemstellungen begründet und eigene Beiträge legitimiert werden. Auch Ehlich & Graefen (2001: 369–372) betonen, dass wissenschaftliche Kommunikation nur vor dem Hintergrund institutionell geprägter Verfahren der Wissensdarstellung und Wissensverarbeitung angemessen beschrieben werden kann.

Gerade hierin liegt die Stärke, aber auch die Grenze des funktional-pragmatischen Zugangs. Seine Stärke besteht darin, Zitationen als Teil wissenschaftlicher Problembearbeitung sichtbar zu machen. Seine Grenze liegt darin, dass damit noch nicht hinreichend erklärt ist, wie solche Funktionen in konkreten Textsorten organisiert werden. Für die Analyse von Fachartikeln muss daher ergänzt werden, wie diese Handlungslogik in wiederkehrende Makrostrukturen eingebettet ist.

An diesem Punkt setzen genre-analytische Arbeiten zur wissenschaftlichen Textorganisation an. Besonders einflussreich ist das CARS-Modell von Swales, das Einleitungen als Orte der Etablierung eines Forschungsraums und der Markierung einer Forschungslücke beschreibt (Swales 1990: 141–145; Swales & Feak 2012: 35–41). Spätere Arbeiten haben gezeigt, dass diese Modellierung nicht nur für englischsprachige Artikel relevant ist, sondern auch für kontrastive Analysen wissenschaftlicher Einleitungsstrukturen genutzt werden kann (Samraj 2002: 7–11; Sheldon 2011: 239–242). Diese Ansätze machen überzeugend sichtbar, wie wissenschaftliche Relevanz textuell hergestellt wird. Weniger deutlich bleibt jedoch, wie der so eröffnete Forschungsraum im weiteren Textverlauf stabilisiert, theoretisch fundiert und am Ende in einen Geltungsanspruch des eigenen Beitrags überführt wird.

In der Zitationsforschung selbst sind diese Fragen bisher überwiegend auf der Ebene funktionaler Einzelkategorien bearbeitet worden. Frühere Typologien unterscheiden etwa zwischen referierenden, unterstützenden, kontrastierenden und evaluativen Verwendungsweisen (exemplarisch Moravcsik & Murugesan 1975: 88–92). Neuere Studien betonen dagegen stärker den rhetorischen und disziplinären Charakter von Zitationen. So beschreibt Hyland (2005: 177–181) Zitationen als zentrale Ressource akademischer Interaktion, mit der Autoren ihre Texte in bestehende Diskurse einbinden und zugleich ihre eigene Position markieren können. In ähnlicher Weise zeigt Petrić (2007: 240–244), dass Zitationen nicht nur Wissen repräsentieren, sondern auch argumentative und evaluative Entscheidungen sichtbar werden lassen.

Zusammengenommen stimmen diese Forschungsansätze in einem zentralen Punkt überein: Zitationen sind weit mehr als bibliographische Nachweise. Zugleich zeigen sie aber auch eine analytische Begrenzung: Während funktional-pragmatische Arbeiten die Einbettung in wissenschaftliche Handlungsmuster betonen, genre-analytische Ansätze die Makrostruktur von Texten herausarbeiten und die Zitationsforschung differenzierte Funktionskategorien bereitstellt, ist bislang nur unzureichend geklärt, wie sich diese Funktionen über mehrere Textsegmente hinweg zu einer übergreifenden argumentativen Struktur verbinden – ein Aspekt, der im Zusammenhang mit Stance-Fragen (Kap. 2.2) vertieft wird.

2.2 Zitationen, Stance Negotiation und Wissenschaftskultur

Wenn Zitationen nicht nur Wissen organisieren, sondern auch Positionen markieren, dann reicht eine rein funktionale Beschreibung dieser nicht aus. Es stellt sich vielmehr die Frage, wie wissenschaftliche Autoren mit Hilfe von Zitationen Zustimmung, Distanz, Bewertung und Autorität aushandeln. An dieser Stelle gewinnen metadiskursive und interaktionsorientierte Ansätze an Bedeutung. Sie zeigen, dass wissenschaftliche Texte nicht nur Informationen vermitteln, sondern auch Beziehungen zu anderen Positionen herstellen und damit Formen wissenschaftlicher Interaktion sprachlich organisieren (Thompson & Ye 1991: 369–372; Hyland 2005: 52–90; Ädel 2006: 15–19). Zitationen sind in diesem Sinne nicht lediglich referentiell, sondern zugleich evaluativ und relational. Sie tragen dazu bei, wie Autoren sich im wissenschaftlichen Diskurs sichtbar machen oder gegebenenfalls auch zurücknehmen.

Für diesen Zusammenhang ist das Konzept der Stance Negotiation besonders aufschlussreich. Es verweist darauf, dass wissenschaftliche Standpunkte nicht einfach mitgeteilt, sondern sprachlich hergestellt und ausgehandelt werden. Dazu gehören Formen der Bewertung, Distanzierung, Absicherung und Zustimmung, die je nach Disziplin und Wissenschaftskultur unterschiedlich normiert sein können (Hyland 2005: 177–184; Hyland, Wang & Jiang 2022). Wie einleitend skizziert, ist die Etablierung wissenschaftlicher Autorität in diesem Sinne kein universelles Phänomen, sondern stark kulturgeprägt. Diese kulturpragmatische Differenz äußert sich im Rahmen der Stance Negotiation vor allem in der feingliedrigen sprachlichen Realisierung von epistemischer Absicherung (Hedging) und interaktionaler Bewertung. Während westliche Wissenschaftstraditionen zur agonistischen Profilierung neigen, wird im Rahmen des ostasiatischen wissenschaftlichen Diskurses primär konsensual operiert, was sich in einer systematischen Abschwächung konfrontativer Sprechakte niederschlägt (Graefen 2002: 50; Hu & Cao 2011: 2798–2803; Hyland, Wang & Jiang 2022).

Diese Unterschiede betreffen nicht nur stilistische Präferenzen, sondern die argumentative Struktur wissenschaftlicher Texte insgesamt. Wie zuvor erwähnt, stehen sich hierbei zwei grundlegende Begründungsverfahren gegenüber: Während die kontraktive Lückenlogik Geltung durch das Aufzeigen von Defiziten im Forschungsstand generiert („Nischenbildung“) – d.h. wissenschaftliche Relevanz exklusiv aufgrund der Abgrenzung von vermeintlichen Fehlern oder Auslassungen der Vorgängerforschung begründet –, zielt die expansive Relevanzlogik darauf ab, den eigenen Beitrag additiv und integrativ als harmonische Erweiterung des bestehenden Wissensraums auszuweisen – d.h. Geltung inklusiv durch den Nachweis der theoretischen Relevanz und die konstruktive Fortführung etablierter Ansätze herzustellen (Clyne 1987: 214–218; Duszak 1994: 299–303; Sheldon 2011: 242–250). Auch die Sichtbarkeit der Autorposition variiert kulturabhängig: In einigen wissenschaftlichen Traditionen wird Selbstreferenz als Zeichen wissenschaftlicher Verantwortung und Klarheit gewertet, in anderen wird sie eher zugunsten depersonalisierter Darstellungsformen zurückgenommen (Hyland 2002: 1095–1101; Graefen & Moll 2011: 76–81).

Gerade aus dieser Forschung ergibt sich jedoch eine weitere offene Frage: Wie schlagen sich diese kulturabhängigen Arten der Positionierung in der segmentübergreifenden Organisation wissenschaftlicher Texte nieder? Für den Vergleich deutsch- und chinesischsprachiger Fachartikel ist deshalb entscheidend, Zitationen nicht isoliert auf Satzebene, sondern als Teil kulturpragmatisch geprägter Argumentationsmuster zu analysieren. Die Frage, wie Problem-Exposition, theoretische Fundierung und abschließende Positionierung miteinander verbunden werden, hängt eng damit zusammen, welche Formen von Kritik, Legitimation und Positionierung des Autors in einer Wissenschaftskultur als angemessen gelten.

Die folgende Tabelle präsentiert die für die Analyse zentralen Vergleichsdimensionen in gebündelter Form:

Analyseebene

Deutsche Wissenschaftskultur

Chinesische Wissenschaftskultur

Epistemisches Ziel

Erkenntnis durch Kritik / Dialektik

Wissen durch Integration / Harmonie

Makrostruktur

Dialektisch-linear (Problematisierung)

Integrative Expansion (additiv)

Autorpositionierung

Hohe Sichtbarkeit (Selbstreferenz)

Zurückhaltend (Depersonalisierung)

Kritikstil

Direkt und evaluativ (agonistisch)

Indirekt (verstärktes Hedging)

Geltungsgrundlage

Lückenlogik (kontraktiv)

Relevanzlogik (expansiv)

Tab. 1: Zentrale Vergleichsdimensionen der wissenschaftlichen Argumentation

Die Tabelle zeigt, dass Unterschiede zwischen beiden wissenschaftlichen Traditionen mehrere Ebenen zugleich betreffen: epistemische Zielsetzungen, Makrostruktur, Autorpositionierung und Kritikstil. Für die vorliegende Studie ist besonders relevant, dass diese Unterschiede nicht nur einzelne Formulierungen, sondern auch die segmentübergreifende Verknüpfung von Einleitung, Literaturübersicht und Schlussfolgerung prägen können.

2.3 Forschungslücke und analytischer Zugriff

Während die in Kapitel 2.1 und 2.2 diskutierten Ansätze wertvolle Klassifikationen für isolierte Textsegmente und kulturbezogene stilistische Präferenzen liefern, bleibt eine entscheidende Forschungslücke bestehen: Es fehlt an einer systematischen Erfassung der segmentübergreifenden Dynamik wissenschaftlicher Zitationen. Die bisherige Forschung isoliert Zitierfunktionen meist auf Satz- oder Absatzebene oder untersucht sie ausschließlich innerhalb einzelner wissenschaftlicher Traditionen. Insbesondere bleibt offen, wie eine in der Einleitung markierte Forschungslücke im Forschungsstand theoretisch abgestützt und in der Schlussfolgerung in eine belastbare Beitragspositionierung überführt wird. Ebenso ist noch nicht hinreichend geklärt, ob und wie sich diese segmentübergreifende Organisation der Zitation in deutsch- und chinesischsprachigen Fachartikeln kulturpragmatisch unterscheidet.

Genau hier setzt die vorliegende Studie an. Sie verbindet funktionale Pragmatik, Genre-Analyse und Stance-Forschung, um Zitationen als diskursive Ressourcen zu beschreiben, die zwischen Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung einen funktionalen Zusammenhang herstellen. Der analytische Zugriff zielt damit nicht nur auf die Identifikation einzelner Zitierfunktionen ab, sondern auf deren Zusammenspiel im Aufbau wissenschaftlicher Kohärenz und Legitimität. In der Dokumentation dieses Zusammenspiels liegt der spezifische Beitrag der Studie zur kontrastiven Fachtextforschung und interkulturellen Schreibforschung.

3 Methodisches Vorgehen und Untersuchungsdesign

Für die Beantwortung der Forschungsfragen folgt die Studie einem kombinierten methodischen Vorgehen, das quantitative Korpusanalyse und qualitative Textinterpretation miteinander verbindet. Ziel ist es, sowohl die Verteilung zentraler Zitierfunktionen als auch ihre segmentübergreifende Verknüpfung zwischen Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung sichtbar zu machen. Das methodische Design verfolgt damit zwei komplementäre Analyseziele: Zum einen werden wiederkehrende Muster kontrastiv erfasst, zum anderen wird ihre argumentative Verankerung im Textverlauf rekonstruiert.

3.1 Korpus und Untersuchungsdesign

Die Untersuchung basiert auf einem sequenziellen Mixed-Methods-Design[6]. Zunächst werden Zitierfunktionen im gesamten Korpus systematisch erfasst und kontrastiv ausgewertet; daran anschließend werden ausgewählte Beiträge qualitativ analysiert, um die funktionale Verknüpfung zwischen Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung zu rekonstruieren.

Die empirische Grundlage bildet ein Korpus von 160 wissenschaftlich begutachteten Fachartikeln aus den Jahren 2016 bis 2025, darunter 80 deutschsprachige und 80 chinesischsprachige Beiträge aus den Bereichen Germanistische Linguistik und Deutsch als Fremdsprache. Berücksichtigt wurden ausschließlich wissenschaftliche Zeitschriftenartikel, darunter etwa Beiträge aus der Zeitschrift für Germanistische Linguistik, Linguistik Online und Info DaF. Die Textsorte Wissenschaftlicher Zeitschriftenartikel wurde gewählt, weil sich in ihr Verfahren der Wissenslegitimation und Autorpositionierung besonders deutlich beobachten lassen.

Die Korpusbildung orientiert sich an dem in der Forschung etablierten Prinzip, sprachliche und disziplinäre Vergleichbarkeit als Voraussetzung kontrastiver Analysen sicherzustellen (Şenöz-Ayata 2012: 26; Huemer 2016: 69–72). Daher wurden ausschließlich einschlägige Beiträge berücksichtigt, insbesondere aus den Bereichen Syntax, Semantik, Diskursanalyse und Deutsch als Fremdsprache. Zugleich umfasst die Stichprobe unterschiedliche Typen wissenschaftlicher Beiträge, darunter theoretische, empirische und überblicksorientierte Artikel. Die Recherche erfolgte über einschlägige wissenschaftliche Datenbanken, darunter DigiZeitschriften, DNB, Airiti Library, CEPS und CJTD.

3.2 Analysekategorien und Auswertungsverfahren

Die Analyse konzentrierte sich auf drei zentrale Textsegmente: Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung. Diese Auswahl ergab sich unmittelbar aus dem Erkenntnisinteresse der Studie, da diese drei Testsegmente unterschiedliche Aufgaben in der wissenschaftlichen Argumentation erfüllen, nämlich Problemexposition, theoretische Fundierung und abschließende Beitragspositionierung.

Als Analyseeinheit galt jede Zitation, die in einem dieser Segmente eine erkennbare argumentative Funktion übernahm. Die funktionale Codierung orientierte sich an den im theoretischen Teil herausgearbeiteten Kategorien und umfasst unter anderem Kritik, Lückenmarkierung, Hintergrunddarstellung, Stützung und Theorieabgleich. Maßgeblich war dabei nicht die bloße formale Präsenz einer Referenz, sondern ihre Funktion im jeweiligen argumentativen Zusammenhang.

Die Auswertung erfolgte in zwei Schritten. Zunächst wurde das gesamte Korpus codiert, um Verteilungen und dominante Muster einzelner Zitierfunktionen sichtbar zu machen. Daran anschließend wurden ausgewählte Artikel qualitativ vertieft analysiert. Im Zentrum stand dabei die Frage, wie Zitationen über den Textverlauf hinweg funktional gekoppelt wurden, also ob eine in der Einleitung markierte Forschungslücke in der Literaturübersicht aufgegriffen und theoretisch gestützt wurde und ob die Schlussfolgerung diese Problemstellung als bearbeitet auswies. Auf diese Weise ließ sich die funktionale Argumentationsschleife nicht nur theoretisch beschreiben, sondern auch empirisch rekonstruieren.

Die einzelnen methodischen Schritte sind in Tabelle 2 zusammengefasst:

Methodischer Schritt

Ziel

Bezug zur Forschungsfrage

Korpusanalyse

Verteilung zentraler Zitierfunktionen erfassen

Identifikation von Funktionsmustern

Kontrastiver Vergleich

Bestimmung der Unterschiede zwischen deutsch- und chinesisch- sprachigen Artikeln

Analyse kulturpragmatischer Differenzen

Qualitative Musteranalyse

Rekonstruierung segmentübergreifen- der Verknüpfungen von Zitationen

Rekonstruktion der funktionalen Argumentationsschleife zwischen Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung

Tab. 2: Überblick über das methodische Vorgehen

Die Tabelle verdeutlicht, dass die einzelnen Analyseschritte nicht isoliert nebeneinander stehen, sondern systematisch auf die Beantwortung der Forschungsfragen ausgerichtet sind. Gerade die Verbindung von quantitativer Übersicht und qualitativer Vertiefung ist entscheidend, um sowohl wiederkehrende Muster als auch deren argumentative Funktion sichtbar zu machen.

3.3 Validität und methodische Absicherung

Zur Absicherung der Analyse wurde die funktionale Codierung nicht allein auf formale Indikatoren gestützt, sondern stets im jeweiligen Textzusammenhang überprüft. Dies ist insbesondere bei pragmatisch komplexen Fällen wie indirekter Kritik, evaluativer Distanzierung oder konsensorientierter Stützung notwendig, da solche Funktionen häufig erst im argumentativen Zusammenhang eindeutig bestimmbar sind.

Digitale und KI-gestützte Verfahren wurden daher nicht als Ersatz, sondern als Hilfsmittel zur Sichtung und Strukturierung größerer Textmengen eingesetzt. Konkret wurde für diese Textvorstrukturierung ein zweistufiges Verfahren angewandt: Zunächst wurden die 160 PDF-Dokumente mittels eines Python-basierten Skripts (unter Nutzung der Bibliothek PyPDF2) in bereinigten Fließtext überführt. In einem zweiten Schritt kam ein lokales Large Language Model (LLM; Llama-3), gesteuert über eine standardisierte lokale API-Schnittstelle (via Ollama), zum Einsatz, um Sätze, die formale Zitationsmarker (z.B. Klammerbelege, Autorennamen mit Jahreszahlen) aufweisen, automatisch zu segmentieren und in eine tabellarische Arbeitsdatei zu exportieren. Die Prompt-Vorgabe bestand darin, Sätze mit Klammerbelegen oder Autor-Jahr-Angaben zu extrahieren und dem jeweiligen Textsegment (Einleitung, Forschungsstand, Schlussfolgerung) zuzuordnen.

Diese KI-gestützte Vorstrukturierung diente ausschließlich der effizienten Datenaufbereitung; die anschließende funktionale Codierung und qualitative Interpretation erfolgten vollständig manuell durch die Forscherin, um semantische Fehlinterpretationen auszuschließen. Der genaue Rahmen dieses KI-Einsatzes ist in der vorangestellten „Erklärung zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz“ dokumentiert. Die eigentliche funktionale Zuordnung erfolgte somit interpretativ auf der Grundlage sprachlich-pragmatischer Kriterien.

Zur Überprüfung der Codierungszuverlässigkeit (Interrater-Reliabilität) wurde zudem eine Zufallsstichprobe von 10 % des Gesamtkorpus (16 Artikel, jeweils 8 deutsche und 8 chinesische Beiträge) gezogen. Diese Stichprobengröße entspricht der etablierten Standardpraxis in der quantitativen Inhaltsanalyse, um eine repräsentative und zugleich manuell überprüfbare Validierung der Codierung zu gewährleisten. Diese Stichprobe wurde durch einen zweiten, in der funktionalen Pragmatik geschulten Codierer unabhängig klassifiziert. Die Berechnung der Übereinstimmung ergab ein hohes Maß an Reliabilität mit einem Cohens Kappa von κ = 0,84 für das deutsche Teilkorpus und κ = 0,81 für das chinesische Teilkorpus, was nach Landis & Koch (1977: 165) als „fast perfekte Übereinstimmung" eingestuft werden kann. Die Berechnung erfolgte mittels der Statistiksoftware R (Version 4.3.1, Paket irr, Funktion kappa2).

Zur Validierung pragmatisch ambivalenter Zweifelsfälle wurde ein qualitatives Peer-Feedback-Verfahren genutzt. Hierzu wurden gezielt muttersprachliche Fachkolleginnen und Fachkollegen aus der Germanistik und Sinologie konsultiert, um insbesondere kulturspezifische Formen indirekter Kritik und Positionierung hermeneutisch abzusichern. Durch diesen intersubjektiven Austausch im Rahmen einer fachwissenschaftlichen Triangulation sollte verhindert werden, funktionale Unterschiede vorschnell aus formalen Oberflächenmerkmalen abzuleiten.

Die Validität der Untersuchung beruht somit auf drei grundlegenden Prinzipien: kontextbezogener Codierung, methodischer Triangulation und sprachkultureller Absicherung. Gerade für eine kontrastive Analyse wissenschaftlicher Texte ist diese mehrstufige Absicherung notwendig, um Vergleichbarkeit mit interpretativer Genauigkeit zu verbinden.

3.4 Methodische Reichweite

Das gewählte Vorgehen ist für die vorliegende Studie aus dem Grunde angemessen, weil es sowohl kontrastive Breite als auch analytische Tiefe ermöglicht. Die Korpusanalyse zeigt, welche Zitierfunktionen in beiden Sprachkulturen bevorzugt auftreten; die qualitative Untersuchung rekonstruiert, wie diese Funktionen zwischen Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung miteinander verknüpft werden. Die gewählte Methode beschreibt damit nicht nur Unterschiede, sondern lässt auch nachvollziehbar werden, wie wissenschaftliche Legitimität textuell hergestellt wird.

Zugleich ist die Reichweite des Verfahrens begrenzt. Die funktionale Interpretation von Zitationen bleibt trotz systematischer Codierung bis zu einem gewissen Grad kontextabhängig, und auch ein ausgewogenes Korpus kann nicht alle disziplinären und institutionellen Varianzen wissenschaftlicher Schreibpraxis abbilden. Für die vorliegende Fragestellung ist der gewählte Zugang jedoch geeignet, weil er die segmentübergreifende Organisation von Zitierfunktionen im deutsch-chinesischen Vergleich empirisch belastbar erfassen kann.

4 Empirische Ergebnisse und Diskussion

Die quantitative und qualitative Analyse deutet auf tendenzielle kulturpragmatische Unterschiede in der diskursiven Herstellung wissenschaftlicher Legitimität hin. Diese Unterschiede betreffen ersten Befunden zufolge nicht nur die Verteilung einzelner Zitierfunktionen, sondern auch deren segmentübergreifende Verknüpfung zwischen Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung. Im Folgenden soll detailliert untersucht werden, inwieweit die Ergebnisse die im theoretischen Teil entwickelte Annahme stützen, dass wissenschaftliche Textorganisation und Autorpositionierung kulturabhängig geprägt sind und sich diese Prägungen in spezifischen Mustern der Standpunkt-Aushandlung niederschlagen.

4.1 Kontrastive Zitationsprofile: Lücken- versus Relevanzlogik

Im kontrastiven Vergleich deuten die Befunde auf zwei tendenziell unterschiedliche Muster wissenschaftlicher Legitimation hin, die im Folgenden näher analysiert werden sollen. Die folgende Tabelle fasst jene Zitierfunktionen zusammen, die für die Gegenüberstellung der deutschen und chinesischen Fachartikel besonders aufschlussreich sind. Dabei beziehen sich die absoluten Fallzahlen (n) auf die Anzahl der Artikel im jeweiligen Teilkorpus (gesamt N = 160), in denen die jeweilige Zitierfunktion mindestens einmal als dominantes argumentatives Muster nachgewiesen werden konnte:

Zitierfunktion

Deutsche Artikel (n = 80)

Chinesische Artikel (n = 80)

Dominanz- muster

Kritik

90,00 % (n = 72)

21,25 % (n = 17)

Deutsch (explizit)

Lücken- markierung

85,00 % (n = 68)

30,00 % (n = 24)

Deutsch (kontraktiv)

Hintergrund

45,00 % (n = 36)

86,25 % (n = 69)

Chinesisch (expansiv)

Stützung

40,00 % (n = 32)

81,25 % (n = 65)

Chinesisch (konsensual)

Tab. 3: Verteilung zentraler Zitierfunktionen im kontrastiven Vergleich

Die in Tabelle 3 dargestellten Verteilungen weisen auf zwei charakteristische Zitationsprofile hin, die sich in ihrer argumentativen Ausrichtung unterscheiden. Deutschsprachige Texte folgen überwiegend einer Lückenlogik – der Begründung der eigenen Relevanz durch das Aufzeigen von Defiziten im Forschungsstand, wie in Kap. 2.2 definiert –, in der die Notwendigkeit des eigenen Beitrags durch Kritik und Defizitmarkierung profiliert wird. Dies zeigt sich insbesondere in den hohen Anteilen der Funktionen Kritik (90,00 %; n = 72) und Lückenmarkierung (85,00 %; n = 68). Charakteristisch ist dabei der häufige Einsatz adversativer und restriktiver Verfahren, mit denen bestehende Forschung begrenzt, relativiert oder als unzureichend ausgewiesen wird. Dass kritische Positionierungen im deutschen Korpus überwiegend explizit formuliert werden, korrespondiert mit den von Clyne (1991) beschriebenen Merkmalen des deutschsprachigen Wissenschaftsstils, der im Vergleich zur angloamerikanischen Tradition eine deutlich ausgeprägtere Tendenz zu expliziten akademischen Kontroversen und direkter Problematisierung aufweist.

Demgegenüber wird in chinesischsprachigen Beiträgen eine Relevanzlogik bevorzugt: die additive Einbettung des eigenen Beitrags in den bestehenden Wissensraum. Im chinesischen Korpus dominieren entsprechend die Zitierfunktionen Hintergrund – die bloße Bereitstellung von Kontext- und Referenzwissen ohne wertende Stellungnahme (86,25 %; n = 69) – und Stützung – die zustimmende und bekräftigende Bezugnahme auf bestehende Autoritäten (81,25 %; n = 65). Beide dienen dazu, vorhandenes Wissen einzuordnen, zu erweitern und argumentativ abzusichern, anstatt bestehende Forschung kontrastiv zuzuspitzen. Relevanz entsteht hier weniger durch explizite Defizitmarkierung als vielmehr durch die Einordnung des eigenen Beitrags in bestehende Wissenszusammenhänge, durch Anschlussfähigkeit an etablierte Forschung und durch konsensuelle Absicherung. Dazu passt, dass Kritik im chinesischen Korpus zu 78,75 % (n = 63 von N = 80) indirekt und unter verstärktem Einsatz von Hedging realisiert wird. Die Daten stützen damit die in unserem Forschungsüberblick diskutierte Annahme, dass chinesischsprachige Fachtexte stärker auf integrative Formen wissenschaftlicher Legitimation ausgerichtet sind.

Die Unterschiede zwischen beiden Korpora lassen somit auf funktionale und systematische Differenzen schließen. Für die Beantwortung der Forschungsfragen ist besonders relevant, dass sich hier zwei unterschiedliche Modi wissenschaftlicher Legitimation abzeichnen: eine kontraktive, defizitorientierte Argumentationsweise im deutschen Korpus und eine expansive, konsensorientierte Argumentationsweise im chinesischen Korpus. Dieser Befund trägt damit unmittelbar zur Beantwortung der ersten Forschungsfrage nach den Mustern der Zitationsfunktionen und der dritten Forschungsfrage nach den kulturpragmatischen Unterschieden in der Stance-Etablierung bei.

4.2 Interaktionale Kohärenz: Die Dynamik der funktionalen Argumentationsschleife

Über die Verteilung einzelner Zitierfunktionen hinaus zeigt unsere Analyse, dass sich die beiden Korpora auch in der segmentübergreifenden Organisation wissenschaftlicher Argumentation unterscheiden. Für die Beantwortung der zweiten Forschungsfrage, die auf die funktionale Verknüpfung dieser Zitierfunktionen über die drei Textsegmente (Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung) hinweg abzielt, ist dabei entscheidend, ob eine in der Einleitung markierte Problemstellung im Forschungsstand aufgegriffen und in der Schlussfolgerung als bearbeitet ausgewiesen wird. Auf dieser Grundlage lassen sich zwei Grundmuster unterscheiden: vollständige funktionale Argumentationsschleifen, in denen Problemexposition, theoretische Fundierung und Beitragspositionierung konsistent miteinander verknüpft sind, und fragmentierte funktionale Argumentationsschleifen, in denen diese sequenzielle Verknüpfung nur partiell realisiert wird.

Erstens fanden sich vollständige funktionale Argumentationsschleifen in Artikeln, in denen eine eingangs exponierte Forschungslücke im weiteren Verlauf theoretisch präzisiert und in der Schlussfolgerung explizit auf den eigenen Beitrag bezogen wurde. Wissenschaftliche Legitimität entsteht hier durch die konsistente Verknüpfung mehrerer Textsegmente. Dieser Befund stützt die funktional-pragmatische Annahme, dass wissenschaftliche Legitimität nicht punktuell, sondern durch die sequentielle Kopplung institutionalisierter Handlungsmuster hergestellt wird. Die argumentative Kausalität, die die Qualität einer solchen funktionalen Argumentationsschleife bestimmt, lässt sich wie folgt erklären: Die in der Einleitung etablierte Forschungslücke fungiert als kognitiver und argumentativer ,Anker’. Sie erzeugt eine argumentative Spannung, die kausal bestimmt, welche Vorarbeiten im Forschungsstand selektiert und kritisch reevaluiert werden müssen. Eine qualitativ hochwertige (vollständige) Argumentationsschleife zeichnet sich dadurch aus, dass diese eingangs aufgebaute Spannung im Fazit nicht nur rein formal aufgegriffen, sondern kausal als gelöst ausgewiesen wird (Desiderat theoretische Fundierung Auflösung). Als vollständig galt eine Argumentationsschleife, wenn das in der Einleitung benannte Desiderat im Forschungsstand kritisch wiederaufgenommen und in der Schlussfolgerung mit explizitem Lösungsbezug verknüpft wurde; fehlte eines dieser Elemente, wurde die Argumentationsschleife als fragmentiert kodiert.

Zweitens zeigten sich fragmentierte funktionale Argumentationsschleifen in Artikeln, in denen eine in der Einleitung formulierte Problemstellung im weiteren Textverlauf nicht systematisch aufgegriffen und in der Schlussfolgerung nicht ausdrücklich mit dem eigenen Beitrag verknüpft wurde. So wurde zwar eingangs ein Forschungsdesiderat benannt, dieses im Forschungsstand jedoch nicht hinreichend theoretisch konturiert und am Ende nicht klar als bearbeitet ausgewiesen. Die argumentative Verbindung zwischen Problemformulierung, theoretischer Einbettung und Beitragsdarstellung blieb in solchen Fällen bruchstückhaft. Gerade diese Konstellation macht sichtbar, dass wissenschaftliche Kohärenz nicht allein vom Vorhandensein einzelner Zitierfunktionen abhängt, sondern von ihrer konsistenten sequentiellen Verknüpfung. Bei diesen fragmentierten Argumentationsschleifen bricht die genannte Kausalitätskette ab: Das Desiderat bleibt eine bloße rhetorische Geste ohne argumentative Konsequenzen für den weiteren Textverlauf. Ohne diese kausale Rückbindung verlieren die Leser den roten Faden der Beweisführung, was die Kohärenz und damit die wissenschaftliche Überzeugungskraft des Gesamtbeitrags maßgeblich schwächt.

Der zentrale Ertrag dieses Befundes besteht in der Erkenntnis, dass die Qualität wissenschaftlicher Argumentation nicht allein von der Häufigkeit einzelner Zitierfunktionen abhängt, sondern von deren sequentieller Einbettung. Die Studie verschiebt damit die Perspektive von einer segmentbezogenen zu einer relationalen Analyse wissenschaftlicher Textorganisation.

4.3 Qualitative Musteranalyse: Strategien der Autorpositionierung

Unsere qualitative Analyse dient dazu, die quantitativen Befunde um eine prozessuale Perspektive zu erweitern. Sie zeigt, dass sich die Unterschiede zwischen beiden Korpora nicht nur in der Häufigkeit einzelner Zitierfunktionen, sondern auch in der Art und Weise manifestierten, wie die Autorpositionierung über mehrere Textsegmente hinweg hergestellt wurde. Im Zentrum stand damit nicht die isolierte Funktion einzelner Zitationen, sondern ihre sequenzielle Reorganisation im Textverlauf.

Ein wiederkehrendes Muster im deutschen Korpus lässt sich in drei Schritten beschreiben. In der Einleitung diente der Bezug auf eine Quelle zunächst der Verortung des Forschungsfeldes und der Herstellung eines gemeinsamen Wissenshorizonts. Im Forschungsstand wurde derselbe Bezug kritisch reinterpretiert, um die Forschungslücke weiter zu konturieren. In der Schlussfolgerung fungierte die zitierte Position schließlich als Kontrastfolie, vor der die Spezifik des eigenen Beitrags profiliert wird. Der qualitative Befund besteht hier also darin, dass Zitationen im deutschen Korpus häufiger funktional umgerahmt wurden und je nach Textphase unterschiedliche argumentative Aufgaben übernahmen. Die Autorpositionierung erfolgte damit bevorzugt über funktionale Verschiebung und kontrastive Neuperspektivierung.

Im chinesischen Korpus zeigte sich demgegenüber häufig ein anderes Muster. Zitationen wurden über mehrere Textsegmente hinweg eher in einer stabilen unterstützenden Funktion beibehalten, insbesondere als Hintergrund oder Stützung. Die Positionierung des Autors entstand hier weniger durch funktionale Umrahmung als durch die fortlaufende Einbettung des eigenen Beitrags in bestehende Wissenszusammenhänge. Der qualitative Befund verwies somit auf eine stärker integrative und konsensorientierte Form wissenschaftlicher Legitimation.

Die folgende Tabelle veranschaulicht typische sprachlich-funktionale Marker, mit denen diese unterschiedlichen Strategien der Standpunktaushandlung sprachlich realisiert werden:

Funktion

Deutsche Marker (Beispiele)

Chinesische Marker (Beispiele)

Strategie

Kontrastierung

jedoch, allerdings, hingegen

aber, obgleich (indirekt)

Kontraktion

Wissenshäufung

zudem, des Weiteren, ferner

darüber hinaus, auch

Expansion

Evaluative Positionierung

unzureichend, beschränkt auf

wertvoll, bedeutend

Stance

Tab. 4: Sprachlich-funktionale Marker der Stance Negotiation

Die qualitative Analyse präzisiert damit die bisherigen Befunde in zweierlei Hinsicht: Erstens zeigt sie, dass Positionierung des Autors im deutschen Korpus häufiger durch funktionale Verschiebung derselben Zitationsbezüge erfolgte, wenn also ein und dieselbe Referenz in der Einleitung zur Defizitmarkierung, im Forschungsstand zur Einordnung und in der Schlussfolgerung zur Profilierung des eigenen Beitrags eingesetzt wurde. Zweitens weist sie darauf hin, dass im chinesischen Korpus eher stabile, konsensorientierte Zitationsrollen dominierten, indem zitierte Arbeiten segmentübergreifend vor allem der Kontextualisierung, Stützung und Einbettung des eigenen Beitrags dienten. Damit wird auch die dritte Forschungsfrage qualitativ weiter ausdifferenziert, insbesondere im Hinblick auf die Dynamik, mit der Autoren ihre argumentative Rolle und ihre Positionierungsstrategien im Textverlauf flexibel anpassen.

5 Fazit und Ausblick

In der vorliegenden Studie ist untersucht worden, wie Zitierfunktionen in deutsch- und chinesischsprachigen linguistischen Fachartikeln zwischen Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung zusammenwirken und zur Herstellung wissenschaftlicher Legitimität beitragen. Die Ergebnisse zeigen, dass Zitationen nicht nur lokal als Verweise auf Vorarbeiten fungieren, sondern segmentübergreifend in die argumentative Organisation wissenschaftlicher Texte eingebunden sind. Der zentrale Beitrag der Studie besteht darin, diese Zusammenhänge als funktionale Argumentationsschleife zu modellieren und im deutsch-chinesischen Vergleich empirisch zu rekonstruieren.

5.1 Beantwortung der Forschungsfragen

Im Hinblick auf die erste Forschungsfrage zeigt die Analyse, dass sich in beiden Korpora unterschiedliche funktionale Profile abzeichnten. Während im deutschen Korpus vor allem Kritik und Lückenmarkierung dominierten, traten im chinesischen Korpus insbesondere Hintergrunddarstellung und Stützung hervor. Zitationen wurden in beiden wissenschaftlichen Traditionen somit nicht identisch funktionalisiert, sondern folgten unterschiedlichen Mustern wissenschaftlicher Legitimation.

Zur zweiten Forschungsfrage konnte gezeigt werden, dass die Überzeugungskraft wissenschaftlicher Texte nicht allein von einzelnen Zitierfunktionen abhing, sondern von ihrer sequenziellen Verknüpfung über mehrere Textsegmente hinweg. Besonders überzeugende Artikel zeichnten sich dadurch aus, dass eine in der Einleitung markierte Problemstellung im Forschungsstand theoretisch präzisiert und in der Schlussfolgerung als bearbeitet oder differenziert ausgewiesen wurde. Die Unterscheidung zwischen vollständigen funktionalen Argumentationsschleifen und fragmentierten funktionalen Argumentationsschleifen machte deutlich, dass wissenschaftliche Kohärenz wesentlich auf dieser interaktionalen Kopplung beruht.

Auch die dritte Forschungsfrage lässt sich klar beantworten. Die Ergebnisse belegen deutliche kulturpragmatische Unterschiede in der Organisation dieser segmentübergreifenden Zitierpraktiken. Deutschsprachige Texte folgten eher einer kontraktiven Lückenlogik, chinesischsprachige Texte dagegen stärker einer expansiven Relevanzlogik. Diese Differenz zeigte sich nicht nur in einzelnen Zitierfunktionen, sondern auch in der Art und Weise, wie Kritik, Autorpositionierung und argumentative Anschlussfähigkeit über den Textverlauf hinweg realisiert wurden.

5.2 Rückbindung an die aktuelle Forschung

Die Ergebnisse bestätigen und differenzieren zentrale Annahmen der im theoretischen Teil diskutierten Forschung:

  • Sie stützen die funktional-pragmatische Perspektive von Ehlich & Rehbein (1986: 15), wonach wissenschaftliches Schreiben als Abfolge institutionalisierter Handlungsmuster verstanden werden kann. Die vorliegende Studie zeigt, dass Zitationen in diesem Zusammenhang als diskursive Mittel der Problemexposition, theoretischen Fundierung und Beitragspositionierung fungieren.

  • Sie erweitern das CARS-Modell von Swales (1990: 141). Unsere Untersuchung macht deutlich, dass die in der Einleitung etablierte Forschungslücke nicht nur eröffnet, sondern über Forschungsstand und Schlussfolgerung hinweg aufrechterhalten und eingelöst werden muss. Damit wird die klassische Perspektive auf Einleitungen um eine segmentübergreifende Sicht auf wissenschaftliche Textorganisation allgemein ergänzt.

  • Sie bestätigen – insbesondere durch die kontrastiven Befunde zur direkten und indirekten Kritik – die Annahmen zur kulturabhängigen Stance Negotiation, wie sie unter anderem bei Graefen (2017: 85) sowie bei Hyland, Wang & Jiang (2022) beschrieben werden. Zugleich zeigt die Studie, dass sich diese Unterschiede nicht in lokalen Stilpräferenzen erschöpfen, sondern die argumentative Gesamtarchitektur wissenschaftlicher Texte prägen.

5.3 Beitrag der Studie

Die Relevanz der vorliegenden Studie liegt in drei miteinander verbundenen Aspekten.

  • Mit dem Begriff der funktionalen Argumentationsschleife wird ein Analysekonzept entwickelt, mit dem Zitationen nicht als punktuelle Referenzhandlungen, sondern als sequenziell verknüpfte Ressourcen wissenschaftlicher Legitimation beschrieben werden.

  • Die vorliegende Studie zeigt, dass sich deutsch- und chinesischsprachige Fachartikel nicht nur in einzelnen Zitierfunktionen, sondern auch in der segmentübergreifenden Organisation wissenschaftlicher Argumentation unterscheiden. Der zentrale empirische Ertrag liegt darin, dass kulturpragmatische Differenzen damit nicht als lokale Varianten des Zitierens, sondern als systematische Unterschiede in der textuellen Herstellung wissenschaftlicher Kohärenz und Legitimität sichtbar werden.

  • Die Studie eröffnet Anschlussmöglichkeiten für die interkulturelle Schreibforschung, die kontrastive Fachtextanalyse und die wissenschaftliche Schreibdidaktik, weil sie ein Modell bereitstellt, mit dem argumentative Kohärenz in differenzierterer Form beschrieben werden kann.

Für den internationalen Publikationskontext ist besonders relevant, dass die Überzeugungskraft eines Fachartikels nicht allein von seiner grammatischen Korrektheit oder der Anzahl der in ihm verwendeten Zitationen abhängt. Entscheidend ist vielmehr, ob die Zitationen so eingesetzt werden, dass zwischen Problemstellung, Forschungsstand und Beitragspositionierung eine nachvollziehbare argumentative Verbindung entsteht.

5.4 Ausblick

Für die weitere Forschung bietet es sich an, das Modell der funktionalen Argumentationsschleife auf andere Disziplinen und Textsorten auszuweiten, um zu prüfen, inwieweit die hier identifizierten Muster fachspezifisch oder fachübergreifend gelten. Ebenso bleibt zu untersuchen, welchen Einfluss unterschiedliche Schreibtraditionen in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, institutionelle Rahmenbedingungen und Publikationssprachen auf die Stabilität oder Fragmentierung solcher Strukturen haben.

Darüber hinaus eröffnet die Studie eine weiterführende Perspektive für die Schreibforschung, indem sie wissenschaftliches Schreiben nicht nur auf der Ebene einzelner Textsegmente, sondern im Zusammenspiel wiederkehrender sprachlicher Phänomene über den Textverlauf hinweg untersucht. Am Beispiel von Zitationen wird sichtbar, wie sich die argumentativen Funktionen von Referenzen zwischen Einleitung, Forschungsstand und Schlussfolgerung verschieben, aufeinander beziehen und gemeinsam zur Herstellung argumentativer Kohärenz beitragen. Damit wird ein Zugang eröffnet, über den sich tiefer liegende Strategien wissenschaftlicher Textorganisation potenziell präziser erfassen lassen.


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Autorin:
Prof. Dr. Shing-Lung Chen
National Kaohsiung University of Science and Technology (NKUST)
Institut für Angewandtes Deutsch
2, Jhuoyue Rd.
Nanzih District
Kaohsiung City 811
Taiwan R.O.C.
E-Mail: chensl@nkust.edu.tw



[1] Im Rahmen der vorliegenden Studie wurden digitale und KI-gestützte Verfahren ausschließlich zur technischen Vorstrukturierung des Datenmaterials eingesetzt, nicht jedoch zur inhaltlichen Analyse oder Interpretation. Konkret wurden die 160 PDF-Dokumente mittels eines Python-basierten Skripts (unter Nutzung der Bibliothek PyPDF2) in bereinigten Fließtext überführt. Anschließend kam ein lokal betriebenes Large Language Model (LLM; Llama-3), gesteuert über eine standardisierte lokale API-Schnittstelle (via Ollama), zum Einsatz, um Sätze mit formalen Zitationsmarkern (z. B. Klammerbelege, Autor-Jahr-Angaben) zu identifizieren und den jeweiligen Textsegmenten (Einleitung, Forschungsstand, Schlussfolgerung) zuzuordnen. Diese KI-gestützte Vorstrukturierung diente ausschließlich der effizienten Datenaufbereitung. Die anschließende funktionale Codierung, die qualitative Interpretation sowie sämtliche wissenschaftlichen Schlussfolgerungen erfolgten vollständig manuell durch die Autorin. Generative KI-Systeme wurden zu keinem Zeitpunkt zur Erstellung, Formulierung oder inhaltlichen Ausarbeitung des Fließtextes dieses Beitrags verwendet.

[2] Mit dem Begriff Wissensproduktion ist hier nicht nur die Darstellung bereits vorliegender Erkenntnisse gemeint, sondern auch deren diskursive Auswahl, Strukturierung und Geltungsbegründung im wissenschaftlichen Text.

[3] Anschlussfähigkeit bezeichnet im vorliegenden Zusammenhang die Möglichkeit, einen Forschungsbeitrag argumentativ so zu positionieren, dass er an bestehende Fachdiskurse anknüpft und dort als weiterführend wahrgenommen werden kann.

[4] Der Ausdruck Professionalisierung bezeichnet hier keine normative Bewertung, sondern die bei der wissenschaftlichen Textproduktion erwartbare Fähigkeit, sprachliche und intertextuelle Mittel adressatenspezifisch und kontextuell angemessen einzusetzen.

[5] Mit Stance Negotiation ist die textuelle Aushandlung epistemischer, evaluativer und argumentativer Positionierungen im Verhältnis zu anderer Forschung gemeint.

[6]  Sequenziell bedeutet hier, dass die quantitative Erfassung der Zitierfunktionen die Grundlage für die anschließende qualitative Vertiefung bildet; beide Schritte sind somit analytisch aufeinander bezogen.

Journal of Linguistics and Language Teaching 10th Anniversary Issue (2020) Zur Konzipierung von Spielen im Unterricht Deutsch als Fremdsprache

Journal of Linguistics and Language Teaching

10th Anniversary Issue (2020), pp. 71-88


Zur Konzipierung von Spielen 

im Unterricht Deutsch als Fremdsprache

 

Shing-lung Chen (Kaohsiung, Taiwan)

 

Abstract (Deutsch)

Gemäß Jan & Chang (2018) sollen im Unterricht nicht nur Sprachkenntnisse vermittelt, sondern auch Fähigkeiten wie z.B. Kreativität, induktive Fähigkeiten und Problemlösungsfähigkeiten ausgebildet werden. Zur Zeit spielen die Lerner im Unterricht meist traditionelle fremdsprachlich orientierte Spiele und lernen eher passiv. In dem vorliegenden Artikel sollen die Lerner in einem ersten Versuch anhand einen gegebenen Lerninhaltes selbst ein fremdsprachliches Spiel entwickeln. Dabei können sie sowohl ihre Sprachkenntnisse zum Einsatz bringen als auch ihre Kreativität entwickeln. Die meisten fremdsprachlichen Spiele beschränken sich auf das Lernen des Wortschatzes oder auf die Satzbildung. Das Ziel des Fremdsprachenlernens besteht jedoch darin, in der Fremdsprache zu kommunizieren. In diesem Beitrag werden Spiele zu Förderung der fremdsprachlichen Kommunikation anhand des Design Thinking-Modells von Lernern selbst entwickelt. Anschließend wird mittels einer Umfrage analysiert, inwiefern das Entwickeln von Spielen die Lernmotivation, den Lernerfolg und die Problemlösungsfähigkeiten  der Lerner erhöhen kann.

Stichwörter: Design Thinking, fremdsprachliche Konversation, Entwicklung von Spielen, Kreativität, Lernmotivation

  

Abstract (English)

According to Jan & Chang (2018), not only language skills should be imparted in class, but also skills such as creativity, inductive skills and problem-solving skills should be trained. At present, learners mostly play traditional foreign language oriented games in class and learn rather passively. In this article, learners are supposed to develop a foreign language game themselves, based on a given learning content. They can use their language skills as well as develop their creativity. Most foreign language games are limited to learning vocabulary or building sentences. However, the goal of foreign language learning is to communicate in the foreign language. In the present article, games to promote foreign language communication are developed by learners themselves, based on the Design Thinking model. Subsequently, a survey is used to analyze to what extent the designing of games can increase learners’ motivation, success and problem-solving skills.

Keywords: Design Thinking, conversation, development of games, creativity, motivation

 

1   Einleitung

Im Unterricht sollen sowohl Fachkenntnisse vermittelt als auch solche Fähigkeiten der Lerner –  wie z.B. Kreativität –  ausgebildet werden, die es ihnen erlauben, mit den komplizierten Anforderungen des 21. Jahrhunderts zurechtzukommen (Kirschner 2015, Robinson 2011 und Pendleton-Jullian & Brown 2015). Das Einsetzen von Kreativität in Lehrplänen ist ein zunehmend aktuelles Thema im Bereich Erziehungswissenschaft (z.B. Amabile 1996, Craft 2011, Cremin 2015). Nach Mishra & Mehta (2017) stellt Kreativität im 21. Jahrhundert eine der wichtigsten Fähigkeiten dar. Kreativität impliziert viele Einzelfähigkeiten, wie z.B. die Fähigkeit zur Datenanalyse, zur Problemerkennung und zum Problemlösen (1). Nach Torrance (1973) umfasst der kreative Denkprozess eine Reihe von Fähigkeiten, z.B. das Erkennen von Informationsproblemen, das Wiederherstellen von Daten und das Anbieten von Lösungen. 

Nach Liao, Chen, Chen & Chang (2018) ist die Verwendung der Fremdsprache an sich ein Produkt der Kreativität, so dass Kreativität unbedingt in den Fremdsprachenunterricht integriert werden sollte. Außerdem ist es erwiesen, dass Kreativität einerseits und Leistung im fremdsprachlichen Lernen andererseits in engem Zusammenhang zueinander stehen. Dazu Liao, Chen, Chen/ & Chang:  

Language, by its nature, is a product of creativity and has many dimensions that intertwine with it (...). As such, language and creativity share certain mental characteristics (...): for example, just as creative individuals connect two seemingly irrelevant elements into new creations that serve particular needs, language users recreate, refashion and re-contextualize languages when communicating. Creativity may thus be considered a metacognitive factor that substantially influences and shapes the process of learning foreign languages (Nosratinia & Zaker, 2015), and is therefore crucial to learners’ mastery of their target languages (...). Empirical studies have clearly demonstrated a positive correlation between creativity and EFL language performance (...).”(Liao, Chen, Chen & Chang 2018: 215)

Trotz der Existenz zahlreicher Modelle zur Ausbildung von Kreativität ist das Design Thinking-Modell von der Universität Standfort weithin bekannt. Dieses Modell wird häufig in den Fachbereich Wirtschaft (Yang, Asaad & Dwivedi 2017) und Architektur (Daemei & Safari 2018) angewendet, um ein Produkt zu entwickeln und dabei die Kreativität und die Problemlösungsfähigkeiten der Lerner zu trainieren. Nach Schön (1992: 48f) ist Design als ein kreativer und reflektierender Prozess zwischen Menschen, Teilnehmern und Produkten definiert. Außerdem findet Design häufig in einem „Dialog“ zwischen dem Designer und seiner Arbeit, seinen Materialien etc. statt. Entwürfe „sprechen“ mit dem Designer, wenn er seine Entwürfe weiterentwickelt. So definiert Schön das Design als

„… an epistemology of practice implicit in the artistic, intuitive processes which  practitioners bring to situations of uncertainty, instability, uniqueness and value conflict.” (Schön 1992:49)

In dem vorliegenden Artikel wird dargestellt, wie Lerner Spiele zum Fremdsprachenlernen zu entwickeln versuchen, um gemäß dem Design Thinking-Modell Kreativität zu entwickeln. Laut Rouse (1960) erkannten bereits Plato und Aristoteles, dass Spiele den Lernerfolg fördern. Die Forschungsergebnisse von Jan & Chang (2018: 9ff) zeigen, dass Spiele nicht nur die Lernmotivation erhöhen, sondern auch den Lerneffekt fördern können.

Gemäß Jan (2011: 47ff) beschränkt sich das asiatische Lernmodell (Verstehen und Gedächtnis) hauptsächlich darauf, Lerninhalte zu verstehen und diese dann im Kopf zu behalten. Auf diese Weise erwerben Lerner zwar Kenntnisse,  entwickeln aber keine Fähigkeiten. Mit Hilfe von Spielen, in denen jedes Mal andere Aufgaben sowie andere (Spiel)Kombinationen vorkommen können, entwickeln sich Fähigkeiten, die darauf abzielen, mit Problemen umzugehen und sie zu lösen. Durch Spiele können negative Lerngewohnheiten (Verstehen und Gedächtnis) in positive Lerngewohnheiten (Entwicklung von Problemlösungsfähigkeiten) umgewandelt werden (Jan 2011: 47ff). Laut Lameras et al. (2017: 974) stellen Lernen und Spielen denselben Prozess dar, bei dem mittels interaktiver Zusammenarbeit zwischen der Einzelperson und der Gruppe Kenntnisse erworben werden:

This argument stems from an important observation that learning is a constructive process, which encompasses aspects of collaborative learning in which knowledge creation emerges through discussion and negotiation between individuals and groups. (Lameras et al. 2017: 974)

Laut Kili (2005) bieten Spiele verschiedene Möglichkeiten, die Analysefähigkeit der Lerner zu entwickeln:

Games should provide possibilities for reflectively exploring phenomena, testing hypotheses and constructing objects. (Kili 2005: 14)

Gemäß Mullins & Sabherwal (2018) werden in den in der Forschungsliteratur beschriebenen Experimenten meist von Anderen entwickelte Spiele verwendet. Wenn Forscher die Spiele von anderen verwenden, können sie deren Zweck jedoch nicht vollkommen verstehen und daher die Auswirkungen dieser Spiele nicht vollständig und sinnvoll interpretieren. Deswegen werden wir hier eigene Spiele entwickeln.

Heutzutage verlieren die Lerner im traditionellen Unterricht mehr und mehr ihre Lernmotivation. Im Unterricht sollen sowohl Kenntnisse vermittelt als auch die Fähigkeiten für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts entwickelt werden.  Außerdem soll der Lernprozess Freude machen. Laut Liao, Chen,  Chen &  Chang (2018) lernen die Schüler dann am besten, wenn sie das Lernen interessant finden:

Because most creative activities require learners to collaborate on tasks in pairs or small groups, creative pedagogy provides a supportive environment that engages them in the learning process and boosts their learning motivation (...); and language learners’ motivation is closely linked to their performance (...), as when people take pleasure in an activity, they are likely to be driven by personal interest to complete any tasks that the activity requires them to perform (...). Consequently, it is reasonable to expect that creative pedagogy can not only provide learners with the primary impetus to learn a language, but also sustain the language-learning process. (Liao, Chen/, Chen & Chang 2018: 215)

Deswegen wird von Lernern oft erwartet, eine Fremdsprache durch Spielen zu erlernen. Bisher werden Spiele konzipiert, die inhaltlich mit dem Lerninhalt nichts zu tun haben, wie z.B. PaGamO (https://www.pagamo.org; 10.08.2019). Es ist durchaus eine Herausforderung, Lerninhalte so in ein Spiel zu integrieren, dass während des Spielens Kenntnisse vermittelt und erworben werden.

Außerdem gibt es bis jetzt fast nur fremdsprachliche Wortschatzspiele (Rawendya, Yingb, Arifinc & Rosalind 2017), nur selten existieren zu Satzbildung, kaum welche jedoch zur Entwicklung fremdsprachlicher Konversation. In der vorliegenden Analyse sollten Deutschlerner auf dem Niveau A1 des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen (GeR) im Unterricht fremdsprachliche Konversationsspiele konzipieren –  ein Vorgehen, das im Unterricht bislang kaum eingesetzt wird. Dabei entwickelten die Lerner anhand deutscher Lehrwerk-Dialoge ein Kartenspiel, das ihnen dabei helfen sollte, fremdsprachliche Dialoge zu lernen und später zu verwenden. Danach wurde getestet, ob Lernmotivation, Lerneffekt und Design-Fähigkeit bei den Lernern zunahmen. Dabei werden die folgenden Fragestellungen untersucht:

1. Wie lassen sich Spiele für das Lernen fremdsprachlicher Dialoge entwickeln?

2. Wie kann ein Spiel Lernmotivation, Lerneffekt und Design-Fähigkeit  erhöhen?

3. Inwiefern hilft das an der Universität Stanford entwickelte Modell Design Thinking-Modell bei der Konzeption fremdsprachlicher Spiele?

Im Folgenden wird zunächst darauf eingegangen, mit welchen Lernschwierigkeiten die Lerner im Konversationsunterricht konfrontiert werden und welche Funktionen das Spiel im Fremdsprachenunterricht hat. Daraufhin wird diskutiert, wie die Erlernung fremdsprachlicher Konversation in das Spiel integriert wird. Schließlich wird analysiert, inwiefern das genannte Design Thinking-Modell im gegebenen Kontext hilfreich ist.

 

2   Forschungsstand 

Im Folgenden gehen wir zunächst auf Lücken im jetzigen Unterricht ein, um zu zeigen, dass reine Kenntnisvermittlung heutzutage nicht mehr hinreicht. Im Anschluss daran gehen wir auf die Forschungsliteratur zu Spielen im Unterricht ein, um nachzuweisen, dass mittels Spielen nicht nur Kenntnisse vermittelt, sondern hauptsächlich Fähigkeiten für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts entwickelt werden können.

 

2.1 Im heutigen Konversationsunterricht bestehende Lücken

Die vier grundlegenden sprachlichen Fertigkeiten sind das Hören, das Sprechen, das Lesen und das Schreiben. Dabei sind im Konversationsunterricht die folgenden Lücken feststellbar:

1. Es fehlen oft Verwendungsmöglichkeiten zur Übung fremdsprachlicher Konversation: Bei den vorhandenen Konversationslernsystemen können die Lerner meist nicht frei kommunizieren, sondern die jeweiligen Dialoge nur  mehrmals hören und auf gegebene Fragen nur vorher festgelegte Antworten geben. Beispiel für solche Systeme sind Sprich mit mir (1999), Ruf doch mal an (1995), Live ABC’s 3-D (2006), System Chinese Online Learning Advise (http://www.cola.itri.org.tw; 20.06.2019).

2. Im Unterricht fehlt die Vermittlung des zugrundeliegenden Kommunikationsmodells, so dass die Lerner trotz guter Sprachkenntnisse nicht effektiv kommunizieren können: Da die Lerner kein Kommunikationsmodell kennen, lernen sie meist beliebig die ihnen präsentierten Sätze auswendig, so dass sie mehrere Sätze desselben Kommunikationsschrittes gelernt haben, aber ihnen die Sätze der anderen Kommunikationsschritte fehlen. Auf dieser Weise sind ihre Dialoge nicht vollständig und können somit oft nicht den gewünschten Kommunikationszweck realisieren. Beispielsweise kennen die Lerner gemäß Chen (2010: 50f) oft viele Sätze über die Feststellung eines zu zahlenden Preises, aber kaum Sätze zum Aushandeln des Preises oder zum Vergleich ähnliche Angebote. 

3. Der Konversationsunterricht  konzentriert sich meist auf die Vermittlung von Sprachkenntnissen, wobei die Entwicklung der für Kommunikation notwendigen Fähigkeiten fehlt. Gemäß Deterding (2012) und Hayes (2008) soll mittels Design Thinking im Unterricht die Fähigkeiten zum Problemlösen und zur Kreativität entwickelt werden. Hier sollen die Lerner Kartenspiele für die fremdsprachliche Konversation konzipieren, damit sie bereits bei der Konzeption des Spiels ihre fremdsprachlichen Kenntnisse anwenden und dabei auch die Problemlösungsfähigkeiten und Kreativität entwickeln (Kap. 2.2).

 

2.2 Funktionen von Spielen beim Fremdsprachenlernen

Nach Liao, Chen, Chen & Chang (2018: 214) konzentriert sich der jetzige Fremdsprachenunterricht meist auf gedächtnisbasiertes Lernen . Dabei wird die Anwendung der jeweiligen Fremdsprache oft vernachlässigt. Gemäß den Analyseergebnissen von Liao, Chen, Chen & Chang soll Kreativität in den Unterricht eingebaut werden, um die Motivation der Lerner zu erhöhen:

It has been argued that creativity can foster learners’ original thinking, increase their engagement in the learning process, and boost their motivation (...); it has also been identified as an important component of problem-solving and cognitive skills (...).” (Liao, Chen, Chen & Chang 2018: 213)

Nach Jan (2011: 47ff) können mittels Spielen negative Lerngewohnheiten (Verstehen und Gedächtnis) in positive Lerngewohnheiten (Problemlösen) umgewandelt werden. Gemäß Deterding (2012) aktiviert das Spiel selbst die Lernmotivation, bildet verschiedene reale Erfahrungen in der Interaktion der Spiele ab, und somit können die Spiele sowohl die Lernmotivation als auch induktive Fähigkeiten fördern: 

Instead of creating full games, gamification’s guiding idea is to use elements of game design in non-game contexts, products, and services to motivate desired behaviors (Deterding 2012: 14)

Laut Kirschner (2015), Robinson (2011), Pendleton-Jullian & Brown (2015) gilt die Ausbildung der Kreativität als Hauptziel der Erziehung. Gemäß Liao, Chen, Chen & Chang (2018: 214) ist fremdsprachliche Kommunikation an sich eine Realisierung von Kreativität, weil dabei verschiedene Sprachelemente zu sinnvoller Kommunikation verbunden werden. Da die Lerner ein fremdsprachliches Spiel entwickeln, müssen sie dabei die Fremdsprache lernen oder ihre Kenntnisse festigen. Somit erwerben sie die jeweilige Fremdsprache bereits beim Designen des Spiels. Außerdem entwickeln sie das Spiel in Gruppen unter Verwendung der Brain Storming-Methode, wobei sich die verschiedenen Ideen der Lerner zum Problemlösen ergänzen und somit  Problemlösungsfähigkeiten  entwickelt werden. Dieser kreative Prozess bei der Spiel-Entwicklung ist somit gleichzusetzen mit dem Prozess zur Lösung neuer Probleme. Daher besteht eine enge Verbindung zwischen dem Prozess der Fähigkeitsentwicklung und dem Lernen der Fremdsprache (ibid.).

Gemäß Liao, Chen, Chen &/ Chang (2018: 214) haben die Lerner beim Spielen gute Laune und empfinden das Lernen als interessant, so dass sie motiviert weiterlernen. Amabile (1996) legte ähnliche Forschungsergebnisse vor, nach denen spielerische Lehrmethoden ein wichtiger Bestandteil für das Kreativitätslernen sind, und somit das Spielen die Emotionen der Lerner verbessert und auf diese das Lernen und das Gedächtnis positiv beeinflusst werden können.

 

3  Konzipierung  fremdsprachlicher Konversationsspiele 

Im Folgenden wird darauf eingegangen, wie Handlungsmuster fremdsprachlicher Kommunikation in das fremdsprachliche Konversationsspiel integriert werden können. Danach wird die Funktionsweise des Spiels demonstriert.

 

3.1 Integration des Fremdsprachenlernens in das Spiel

Es ist nicht einfach, das Fremdsprachenlernen in ein Spiel zu integrieren. Ein Beispiel hierfür ist PagamO (https://www. pagamo. org/). Dieses Spiel lässt die Lerner zunächst ungestört spielen, bricht nach einer gewissen Zeit jedoch  plötzlich ab. Die Lerner müssen die erscheinenden Fragen richtig beantworten, damit sie weiterspielen können. Aber das Spiel selbst hat nichts mit dem Lerninhalt zu tun. Die Lerner müssen lediglich den Lerninhalt auswendig lernen, damit sie die Fragen beantworten und auf diese Weise weiterspielen können. Die Forschungsergebnisse von Lameras et al. (2017: 974) zeigen, dass dem Lernen und dem Spiel meist kein gemeinsames Modell zugrunde liegt, so dass es schwierig ist, das Lernen in das Spiel zu integrieren. Daher soll hier ein kompatibles Modell entwickelt werden, das den Lerninhalt mit den  Spielaktivitäten kombiniert: 

Spiel

Fremdsprachlicher Dialog

Spieler-Rollen

Sprecher und Hörer als Rollenspiel

Kämpfer und Verteidiger

Fragen und Antworten auf Karten

Ablaufdiagramm

Handlungsmuster im Dialog

Tab. 1: Integration der Elemente fremdsprachlicher Konversation in das Spiel

Bei dem Versuch der Integration von Elemente fremdsprachlicher Konversation in das Spiel werden die Rollen (z.B. Sprecher und Hörer) im fremdsprachlichen Dialog mit den Rollen im Spiel identifiziert wie z.B. die Sprecher als Kämpfer mit ihren Fragekarten und die Hörer als Verteidiger mit ihren Antwortkarten (Tab. 1).

Anhand der Theorie der Diskursanalyse (Ehlich & Rehbein 1979, Ehlich 1986) wird –  im Sinne der Spielregeln –  ein Ablaufdiagramm entwickelt, mit dessen Hilfe ein Dialog konstituiert wird. Ein Beispiel hierfür ist eine Hotelkommunikation nach dem folgenden Handlungsmuster in einzelnen Schritten, die im Spiel anhand eines Ablaufdiagramms verdeutlicht werden. Das Handlungsmuster sieht wie folgt aus:

A. Frage nach einem freien Zimmer

B. Feststellung, ob das Zimmer dem Bedarf entspricht

C. Feststellung des Preises

D. Feststellung, wo sich das Zimmer befindet

E. Erledigung der Bezahlung




Abb. 1: Deutsches Spiel für die Stufe 1 (Hotel-Kommunikation)

Im Spiel bildet ein Kämpfer mit dem Verteidiger ein Paar. Parallel bilden die Fragesteller (Sprecher) mit ihren Fragekarten die eine Gruppe und die Hörer mit ihren Antwort-Karten die andere Gruppe.

 

Abb. 2: Verhältnis zwischen Kommunikationsschritten und Frage- und Antwortkarten für die Hotel-Kommunikation (2)

In Abb.  2 wird aufgelistet, zu welchem Kommunikationsschritt welche Frage- und Antwortkarten passen. Beispielsweise werden für den Kommunikationsschritt Feststellung, ob das Zimmer dem Bedarf entspricht sowohl die Fragekarte Ist das Zimmer mit Bad? als auch die Antwortkarte Ja, alle Zimmer sind mit Bad. benötigt, um diesen Kommunikationsschritt zu vollenden. Die Zahlen auf der Karte 30, 35, 40 zeigen die Punkte sowie die Macht der Karte an. Je schwieriger die Fragen und die Antworten inhaltlich sind, desto höher ist die Punktzahl. Die Punkte spiegeln die Stärke des Kämpfers und diejenige der Verteidiger wider. Je stärker sie sind, desto mehr Punkte gewinnen sie.

Während des Spiels sollen die dem oben genannten Handlungsmuster entsprechenden Fragekarten mit ihren Antwortkarten gesucht bzw. gesammelt werden, um die dem Handlungsmuster entsprechende Kommunikation zu vollenden. Dabei zieht jeder Spieler der Reihenfolge nach eine Karte und muss richtig beurteilen, welchem Kommunikationsschritt sie zugehört. Beispielsweise zieht man die Karte Wieviel kostet das Zimmer? und muss sie dann auf Frage 3 legen, weil diese dem dritten Kommunikationsschritt Feststellung des Preises entspricht (Abb. 1). Auf dieser Weise komplettieren alle Teilnehmer gemeinsam die Hotelkommunikation, wenn alle Einzelschritte mit Karten belegt sind. Weitere Spielregel bestehen darin, dass außer den Karten zur Organisation der Kommunikation noch eine Glückskarte gezogen werden muss, die entscheidet, ob man weiter spielen kann. Bei der Karte Noch einmal versuchen darf ein Spieler weitermachen, um mit einer neuen Karte die Konversation zu fortzusetzen. Wenn die Pausenkarte gezogen wird, muss er eine Runde warten. Bei der Karte Aussetzen soll er zwei Runden warten, bis er wieder an die Reihe kommt (Abb. 1). 

Fragekarte

Handlungsmuster

Antwortkarte

Haben Sie ein Zimmer frei?

(A) Frage nach einem freien Zimmer

Ja. Wir haben noch Zimmer frei.

Ist das Zimmer mit Bad.

(B) Feststellung, ob das Zimmer dem Bedarf entspricht.

Ja, alle Zimmer sind mit Bad.

Wie viel kostet das Zimmer?

(C) Feststellung des Preises

Das Zimmer kostet 150 Euro pro Nacht.

In welchem Stock ist das Zimmer?

(D) Feststellung, wo sich das Zimmer befindet.

Ihr Zimmer ist im 3. Stock, Zimmer 301.

Kann ich mit der Kreditkarte bezahlen.

(E) Erledigung der Bezahlung

Ja, gern.

 

Tab. 2: Konstituierung einer Konversation gemäß dem Handlungsmuster

Mit Hilfe von Frage- und Antwortkarten

In Lehrwerken werden Konversationen meist in einer festgelegten Reihenfolge angeboten und die vorhandenen Dialoge müssen in dieser festgelegten Reihenfolge auswendig gelernt werden, so dass die Lerner oft nicht in der Lage sind, im Sprachalltag auf frei gestellte Fragen korrekt zu reagieren. Dagegen können sie mittels der flexiblen Kartenkombinationen im Spiel üben, auf Fragen unmittelbar zu reagieren. Im Spiel sollen die Lerner die Sätze für einen gegebenen Kommunikationsschritt sammeln und so einen vollständigen Dialog zusammenstellen. Jedes Mal erhalten sie dabei für die Erstellung eines Dialogs unterschiedliche Sätze (Spielkarten). Das heißt, dass man nicht immer mit dem ersten Kommunikationsschritt anfängt, sondern zuerst die Satzkarten des dritten Kommunikationsschrittes und dann die Karten des ersten Schrittes erhalten kann. Das Kartenspiel ist dabei ähnlich konzipiert wie ein realer Dialog, der durchaus jedes Mal mit der anderen Frage beginnen kann. Da ein  Lehrwerkdialog meist in einer festgelegten Reihenfolge vorkommt, können die Lerner dann oft nicht reagieren, wenn die Konversation anders gestaltet wird. Außerdem bietet sich im Dialog für denselben Kommunikationsschritt –  wie z.B. Frage nach einem freien Zimmer –  nur jeweils eine Antwortmöglichkeit.  Im Spiel bieten sich jedoch mehrere Möglichkeiten für ein und dieselbe Sprechhandlung wie z.B. Haben Sie ein Zimmer frei, Ist bei Ihnen noch ein Zimmer frei?, Gibt es noch freie Zimmer etc. Diese Flexibilität lässt zahlreiche verschiedene Kombinationen der Dialogbildung zu demselben Inhalt zu. Da davon ausgegangen werden kann, dass ein solches Spiel den Lernern Freude bereitet, können sie es mehrmals spielen und somit den Lerninhalt immer besser zu beherrschen lernen. Hingegen können sie oft nicht ertragen, denselben Lehrwerk-Inhalt ein bis zwei Male zu wiederholen.

Die Gesprächsspiele wurden auf der Basis der Theorie der Diskursanalyse nach Ehlich & Rehbein (1979) und Ehlich (1986) entwickelt. Da aufgrund dieser Theorie eine Konversation einem gegebenen Handlungsmuster entsprechend verlaufen soll, um den Kommunikationszweck zu erzielen, dient dieses Handlungsmuster als Ablaufdiagramm des Spiels für die Bildung eines Dialogs:

Sprachliche Handlungsmuster, oder abkürzend gesagt, Muster, sind also die Formen von standardisierten Handlungsmöglichkeiten, die im konkreten Handeln aktualisiert und realisiert werden. Die Handelnden verwirklichen in ihrem Handeln ihre Zwecke. Die einzelnen Muster bilden Potenziale für die Realisierung von Zwecken, deren sich die Handelnden (...) bedienen. (Ehlich & Rehbein 1979 : 250)

Gemäß der Diskursanalyse besteht das Wesen der Kommunikation darin, gesellschaftliche Aufgaben zu erfüllen. Eine gegebene Konversation soll somit einen vorab definierten Zweck verwirklichen. Folglich bauen wir gemäß der Theorie der Diskursanalyse ein Ablaufdiagramm der Konversation für unser Kartenspiel auf, mit dessen Hilfe fremdsprachliche Konversationen mittels des Kartenspiels konstituiert werden. Für das Einkaufen ergeben sich dabei folgende Kommunikationsschritte: 

A. Feststellung des Angebotes

B. Vergleich verschiedener, ähnlicher Angebote

C. Feststellung des Preises

D. Vergleich des Preises mit dem Wert des Angebotes (eventuell Feilschen bzw. Aushandeln des Preises)

E. Durchführung der Bezahlung

 

3.2 Funktionsweise des Spiels

Im Folgenden wird nun der gesamte Prozess der Spielkonzeption dargestellt:

Abb. 3: Spiel für die Stufe 2 

(Millionär-Spiel zur Hotel-, Einkaufs- und Restaurant-Kommunikation) (3) 

Grundlage ist das Spiel Wer wird Millionär?(4) Das Handlungsmuster (Ehlich & Rehbein 1979, Ehlich 1986) simuliert den Ablauf des Spiels. Das Spiel erfordert mindestens drei Spieler. Das Millionär-Spiel (Abb. 3) impliziert drei Kommunikationssituationen: Hotel-, Einkaufs- und Restaurant-Kommunikation(5).  Die Hotel-Kommunikation ist blau, die Einkaufskommunikation grün und die Restaurant-Kommunikation gelb markiert. Auf dem Spielbrett sind die einzelnen Kommunikationsschritte aufgeführt, und die Lerner müssen die entsprechenden Satzkarten für die jeweiligen Kommunikationsschritte heraussuchen, um die Konversation nachzubilden (Abb. 1). Dieses Spielbrett stellt die Aufbaustruktur der Kommunikation dar, so dass die Lerner gemäß den Kommunikationsschritten mit ihren Satzkarten eine entsprechende Kommunikation konstituieren (Bild 3). Die Spielregeln bestehen darin, dass jeder Spieler zunächst fünf Karten mit Kommunikationssätzen bekommt. Dann würfelt der erste Spieler. Die Punkte auf dem Würfel entscheiden darüber, wie viele Schritte er vorrücken kann. Wenn er an einem bestimmten Kommunikationsschritt ankommt, kann er nachschauen, ob er die entsprechenden Satzkarten hat, um diesen Kommunikationsschritt zu vollenden. Befindet er sich beispielsweise bei dem Schritt Feststellung des Preises, muss er entsprechende Karten mit den Sätzen zur Preisfeststellung haben, um diesen Kommunikationsschritt zu besetzen. Ein weiteres Beispiel: Ein Spieler kommt beim Einkaufen zum Kommunikationsschritt Vergleich verschiedener ähnlicher Angebote. Dann muss er sehen, ob er die entsprechenden Satzkarten für diesen Kommunikationsschritt auf der Hand hat. Im positiven Fall kann er diesen Kommunikationsschritt mit der entsprechenden Frage- und deren Antwortkarte  besetzen, beispielsweise mit der Fragekarte Haben Sie Äpfel aus anderen Ländern? und der Antwortkarte Ja, hier sind Äpfel aus Japan und dort Äpfel aus Spanien. Ein anderer Spieler kann diesen Schritt nun nicht mehr besetzen, sondern muss stattdessen aus seinen bisher gewonnenen Punkte eine Gebühr bezahlen. Auf jeder Karte, die ein Spieler gewinnt, ist die Punktzahl verzeichnet, mit der er eine solche Gebühr bezahlen kann (Abb. 2). Nach jedem Würfeln bekommen die Spieler eine weitere Karte mit einem Kommunikationssatz. Im negativen Fall, dass er nicht über Karten zur Besetzung des entsprechenden Kommunikationsschrittes verfügt, muss er aussetzen und kann weiterhin Karten für eine mögliche Besetzung von Kommunikationsschritten sammeln.

In die Spielkonzeption kann man –  wie gesehen –  also mehrere Kommunikationsthemen einbauen, deren einzelne Kommunikationsschritte dann der Reihenfolge nach auf dem Spielbrett verzeichnet sind. Wenn die Karten an alle Spieler verteilt sind, ist das Spiel zu Ende. Man gewinnt sowohl die Punkte auf eigenen Karten als auch diejenigen für die besetzten Kommunikationsschritte(6). Dieses Spiel wird hier lediglich als ein mögliches  Modell veranschaulicht. Die Lerner können entweder das Modell eigenständig modifizieren oder eigene Spiele daraus entwickeln. Auf der Basis dieses Spielmodells können zudem Spiele für verschiedene Sprachen entwickelt werden.

 

4  Konzeption von Spielkarten

Die Lerner sollen gemäß dem von uns zugrunde gelegten Design Thinking-Modell fremdsprachliche Spiele konzipieren. Auf dieses Modell wird nun entsprechend eingegangen.

Zunächst jedoch eine kurze Vorbemerkung: Nach Jan & Chang (2018) sollen Lehrwerke in Spiele umgewandelt werden, damit die Lerner über den Erwerb von Kenntnissen hinaus zentrale Fähigkeiten entwickeln können. In Singapur beispielsweise werden in der Canberra Primary School –  als einer „Grundschule der Zukunft“ anstelle von Lehrwerken ausschließlich Spiele im Unterricht eingesetzt (Jan & Chang 2018: 3). Vor einem solchen Hintergrund wird in dem vorliegenden Artikel die Entwicklung von Spielen durch die Lerner propagiert, die ihrem eigenen Fremdsprachenlernen zuträglich sein können.  Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass die Lerner bereits während des Design-Prozesses des Spiels jeweilige Fremdsprache verwenden:

Abb. 4: Interaktion zwischen Arbeitsschritten im Design Thinking-Modell (7)

Das Design Thinking-Modell dient dazu, ein Produkt –  hier ein fremdsprachliches Spiel –  dem Bedarf der Nutzer entsprechend zu entwickeln. Es besteht aus fünf Arbeitsschritten, die ineinander greifen und sich gegenseitig beeinflussen.

a) Empathy: Der Bedarf der Nutzer steht im Mittelpunkt, und auf diesen als Zielgruppe wird das Spiel entwickelt. Der Bedarf von Fremdsprachenlernern begründet sich in der Regel aus ihren Lernschwierigkeiten. Es müssen mögliche Gründe für die bestehenden  Schwierigkeiten identifiziert werden, damit Lösungsmöglichkeiten  in das Spiel eingebaut werden können. Hier besteht der Bedarf darin, Kommunikation in der Fremdsprache auf der Basis des zugrundeliegenden Modells zu konzipieren und zu realisieren. 

b) Define: Es werden entsprechende Daten für die Analyse und spätere Umsetzung des Bedarfs der verschiedenen Nutzer gesammelt.

c) Ideate: Anhand des Bedarfs der Benutzer werden nun kreative Ideen die Konzipierung eines Produktes entwickelt

d) Prototype: Konkretisierung der Ideen auf der Basis des Produkt-Entwurfs 

e) Test: Ausprobieren des Produkts und Sammeln von Benutzer-Feedback.  Gegebenenfalls Produktverbesserung.

Aus diesen Schritten ergibt sich ein Modifizierungs- und Überprüfungs-Zyklus für das zu entwickelnde Produktes (Abb. 4): 

The Stanford model has five phases or stages of design thinking, also referred to as modes, which are worked through towards problem solutions or resolutions. These five modes are: empathize, define, ideate, prototype, and test. While we describe them in linear fashion, design thinking is actually an iterative process. Designers, teachers, and others can cycle through the process or reenter modes as needed, to understand or explore problems and solutions.” (Henriksena,  Richardsonb & Mehtab 2017: 142) 

  

5   Ergänzende Umfrage 

Für die Klärung der Frage, ob das Konzipieren fremdsprachlicher Spiele die Motivation der Lerner erhöht und ob das Design Thinking-Modell den Lernern  hierbei hilfreich sein kann, wurde die eine die Entwicklung unseres Spieles  begleitende Umfrage durchgeführt.

Die Studierenden waren bis dato fast nur mit traditionellen Lehr- und Lernmethoden konfrontiert worden. Somit dürften sie dazu in der Lage sein, den Ansatz des Design Thinking mit dem traditionellen Lernen zu vergleichen.

Insgesamt nahmen 32 Studierenden (sieben von diesen männlich und 25 weiblich) an der Umfrage teil, die über ein Deutsch-Niveau von A1 des GeR verfügten und bereits ein Semester Deutsch gelernt hatten. Für den Fragebogen wurde die Fünf-Punkte-Likert-Skala (Likert 1932) verwendet (1. überhaupt nicht einverstanden –  5. sehr einverstanden).

Zur Absicherung der Antworten der Befragten wurden Kontrollfragen gestellt, mit deren Hilfe sich feststellen ließ, ob die Lerner die Umfrage korrekt ausfüllten.  Beispielsweise wurde gefragt, ob das Konzipieren fremdsprachlicher Spiele die eigene Lernmotivation erhöht (Frage 1) und beim Fremdsprachenlernen helfen kann (Frage 2). Zur Kontrolle wurden die gleichen Gesichtspunkte auch in negativer Form erfragt (Fragen 4 und 5). Diese Fragen mussten logisch beantwortet werden. Unlogisch ausgefüllte Fragebögen wurden entsprechend nicht in die Analyse einbezogen, da eine widersprüchliche Beantwortung dieser Fragen dafür sprach, dass der jeweilige Lerner die Umfrage nicht ernst genommen hatte (Tab. 3): 

 

Fragen

Prozentanteile

1

Ein fremdsprachliches Spiel zu designen steigert meine positive Laune und Lernmotivation.

83,25 % ± 3.28(8)

2

Ich kann beim Designen fremdsprachlicher Spiele die Fremdsprache gut lernen und anwenden.

81,70 % ± 1.63

3

Beim Designen fremdsprachlicher Spiele kann ich meine Problemlösungsfähigkeiten  entwickeln.

78,32 % ± 2.13

4

Ich finde, dass das Designen fremdsprachlicher Spiele beim Lernen nicht helfen kann.

35,21 % ± 0.69

5

Ich finde, dass das Design Thinking-Modell beim Lernen nicht helfen kann.

35,87 % ± 0.71

6

Ich werde weiterhin fremdsprachliche Spiele designen.

70,64 % ± 1.41

7

Ich werde weiterhin das Design Thinking-Modell benutzen.

69,75 % ± 1.29

Tab. 3: Ergebnisse der Umfrage

Die ersten drei Fragen beziehen sich auf die Wirkung des Designens fremdsprachlicher Spiele auf die Lernmotivation (83,25 % ± 3,28), den Lerneffekt (81,75 % ± 1.63) und die Entwicklung der Fähigkeiten der Spiele-Konzipierung und des Problemlösens (78,32 % ± 2,13). An dem Durchschnittswert dieser drei Fragen von 81,09 % lässt sich erkennen, dass die Lerner den positiven Effekt des Designens fremdsprachlicher Spiele im Unterricht erkannten. Die entsprechende Gegenfrage 4 fand lediglich eine Zustimmung von 35,21 % (± 0,69) und Gegenfrage 5 nur eine Zustimmung von 35,87 % (± 0.71). Daran, dass bei den positiven Fragen (1 - 3) durchschnittlich eine Zustimmung von 81,10 % erzielt wurde, bei den entsprechenden Gegenfragen (4 und 5) hingegen durchschnittlich nur eine Zustimmung von 18,54 %, lässt sich erkennen, dass die Ergebnisse als weitgehend einheitlich und somit mehr oder weniger zuverlässig angesehen werden können. Zu der Frage, ob die Lerner weiterhin fremdsprachliche Spiele designen würden, fand sich immerhin eine Unterstützung von 70,64 % (±1,41), obwohl die Konzipierung von Spielen sehr aufwendig ist. Frage 7 hinsichtlich einer möglichen weiteren Verwendung des Design Thinking-Modells fand ebenfalls große Unterstützung (69,75 % ± 1.29).

 

6 Abschließende  Bemerkungen

Während in Lehrwerken ein fremdsprachlicher Dialog meist aus 12 bis 20 Sätzen besteht ( (Müller et al. 1996: 12f, 26, Niebisch 2016: 74, Funk & König 1994: 22f, 53, 63)), benötigt man mindestens 36 bis 52 Sätze, um genug Karten für ein Spiel zu konstituieren, damit man beim Spielen nicht lange auf eine bestimmte Karte warten muss. Auf diese Weise werden die Lerner dazu gebracht, mehr Sätze als das Lehrwerk zu erlernen. Der Prozess der Spielkonzipierung ist somit ein genuiner Fremdsprachenlernprozess. Schon dabei wiederholen die Lerner einzelne Sätze recht intensiv. Außerdem diskutieren sie in Gruppen darüber, welchen zu lernenden Inhalt sie festlegen, welche Spielregeln sie aufstellen und welche Lernprobleme sie adressieren können. Darüber hinaus probieren sie gemäß dem Design Thinking-Modell das Spiel selbst aus und modifizieren es weiterhin auf der Basis der so gemachten Erfahrungen. Beim Ausprobieren lernen sie die fremdsprachlichen Sätze recht intensiv. Zudem entwickeln sie dabei nicht nur mehr Motivation und verbessern ihre eigenen Lernergebnisse, sondern erwerben zugleich gewisse Datenanalyse- und Problemlösungsfähigkeiten. All dies bestätigt auch unsere Umfrage. Obwohl die Konzipierung von Spielen also mehr Mühe bereitet als das traditionelle Fremdsprachenlernen, fand diese neue Lernmethode bei unseren Lernern starken Anklang. Im Hinblick auf künftige Forschung wäre es aufschlussreich zu untersuchen, für welches Sprachniveau von A1 bis B2 des GeR das Konzipieren von Spielen besonders effektiv ist und welche Arten von Spielen sich hierfür besonders anbieten.

 


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(1) Es wird hier nicht differenziert, welche einzelnen Fähigkeiten entwickelt werden sollen. In diesem Artikel wird davon ausgegangen, dass mit Hilfe des Konzipierens von Spielen außer den Sprachkenntnissen auch die kognitiven Fähigkeiten der Lerner ausgebildet werden und somit der Unterricht noch effektiver wird. Um zu ermitteln, welche einzelnen Fähigkeiten mittels des Konzipierens von Spielen entwickelt werden, bedarf es weiterer Analysen.

(2) Das Hotelbild ist der folgenden Webseite entnommen: https://www.google.com/search?q=hotel+foto&tbm=isch&source=iu&ictx=1&fir=WEs6wbOHlf9F8M%253A%252C2hW56bE1ZkK1iM%252C_&vet=1&u=AI4_-kTgpop0kTeJRaN8N9xZAzopeQleRg&sa=X&ved=2ahUKEwjK-LrP1YjjAhWCUrwKHRAsAj8Q9QEwAXoECAYQBg#imgrc=E9VBZKejJ8TT1M:&vet=1; 06.09.2019)

(3) Das Bild für die Reise in Deutschland ist dem Internet entnommen: (https://www.google.com/search?q=Reise+Deutschland+foto&tbm=isch&source=iu&ictx=1&fir=GOAD9L2dNfuScM%253A%252Cbec78u28sTALmM%252C_&vet=1&usg=AI4_-kTBYl_7olL2WWOHiJnmKhsppiiQ-g&sa=X&ved=2ahUKEwjVwImL1ojjAhWKEbw KHVWYCnQQ9QEwAXoECAkQBg#imgrc=3A6CjJ5z94w2fM:&vet=1;10.07.2019)

(4)   Das Hauptprinzip des Spiels Wer wird Millionär? besteht darin, durch die Beantwortung von Quiz-Fragen Punkte bzw. Spielgeld zu gewinnen, um Millionär zu werden (Spielregel : https://www.spielregeln-spielanleitungen.de/spiel/wer-wird-millionaer/; 10.07.2019). Dafür es gibt viele verschiedene Versionen. Dieses Spiel wird hier verwendet, weil fast jeder die Spielregeln kennt.

(5) Im Vergleich zum obigen Spiel für Stufe 1 mit nur einem Kommunikationsthema, werden in dem Spiel für Stufe 2 mehrere Kommunikationsthemen abgedeckt.

(6) Im Unterricht werden solche Prototypen von Kommunikationsspielen demonstriert. Die Lerner sollen dann ein eigenes Kommunikationsthema oder mehrere Kommunikationsthemen auswählen und selbst ein Spiel entwickeln.

(7) Original-Bild: https://www.interaction-design.org/literature/article/5-stages-in-the-design-thinking-process; 01.07.2019

(8) Der jeweilige Wert der Abweichung bezieht sich auf die Differenzen zwischen einer Plangröße (eventuell Sollgröße) und einer Ist-Größe. Bei einem Wert 83.25 % ± 3.28 beispielsweise ergibt sich eine Schwankungsbreite von 79,97 % bis 86,53 %.



Autorin:

Prof. Dr. Shing-Lung Chen  

National Kaohsiung University of Science and Technology (NKUST)

Seminar für deutsche Sprache und Literatur

2, Jhuoyue Rd.

Nanzih District

Kaohsiung City 811

Taiwan, R.O.C.

E-Mail: chensl@nkfust.edu.tw